Das 18. Jahrhundert

Bürger und Bauern, die als Untertanen gehalten werden sollten, konnten - vor allem bei materieller Not - wenig Bildungsbeflissenheit ent­wickeln. Das rächte sich im 18. Jahrhundert, als eine bessere Volks­bildung allmählich auch für die wirtschaftliche Entwicklung wichtiger wurde. Vor allem die oft als vorbildlich zitierten preußischen Schul­gesetze von 1717, 1736 und 1763 blieben ohne die entsprechende bil­dungspolitische Infrastruktur (Schulhäuser, Lehrer, Bildungsinteres­sen...) weitgehend erfolglos. Noch nicht einmal ein Viertel aller Kinder besuchte dort im 18. Jahrhundert regelmäßig die Schule, und die Hälfte davon verließ diese, ohne wirklich lesen und schreiben, geschweige denn rechnen gelernt zu haben (21).

Nicht besser sah es im Württembergischen aus, als man im Jahre 1780 schließlich den Schulmeistern zur Pflicht machte, sich die einfachsten Formen des Rechnens anzueignen - und ein Aufschrei der Empörung durch deren Reihen ging: Eher wolle man den Schuldienst quittieren! (22) In der Erlanger Real-Zeitung Nr.19 vom 7.3.1777 (23) wird folgender Vorfall berichtet: "In der mittleren teutschen Geschichte gabs oft Bauernkriege; das Landvolk rottete sich zusammen - wegen des ehernen Jochs ihrer Edelleute, oder ihrer Geistlichkeit - wegen der erdrücken­den (!) Regierung ihrer Fürsten... aber um ein ABC Buch ist doch noch kein Bauernkrieg entstanden, das war dem Jahre 1777 und den Nassau Weilburgischen Bauern vorbehalten. Diese rebellirten neulich, weil ihr Fürst ein neues, vernünftigeres ABC Buch in den Schulen einführen lassen wollte, und das litten sie absolut nicht...; wir haben Kinder gezeugt und Geld gewonnen und haben Schulzen und Schöppen werden können, alles nach dem alten ABC Buch... Die Leute trieben den Trotz aufs äußerste; nun aber hat der Landesherr churpfälzische Hilfe ver­langt, die auch 900 Mann stark eingerückt ist, und die Anführer sind schon meist zu Kreuze gekrochen. Das neue ABC Buch triumphiert, und man wird den hartköpfigen alten Bauern selbst noch draus die Lektion aufgeben: E-Y - EY."

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts macht sich in Deutschland ein Anstieg der Bevölkerung von anfänglich ca. 8 Millionen auf insgesamt 23 Mil­lionen Menschen (24) bemerkbar, - ohne daß das Nahrungsmittelaufkommen entsprechend mithalten kann. Plötzlich stehen überall gebildete Päd­agogen und Politiker auf, um das Landvolk zu ökonomischerem, weitsich­tigerem Verhalten zu erziehen. So schreibt der aufgeklärte preußische Gutsbesitzer, Pädagoge, Schulbuchautor und Gründer von Musterschulen, Freiherr Eberhard von Rochow 1779: "Nehmt z.B. im Staat eine Million Bauern und Ackerbürger an, die jeder zu 20 Scheffeln Aussaht jährlich an Land bestellen. Ihre Unwissenheit, Mangel an Vordenken und Nachdenken, verhindern sie, mehr als das vierte Korn zu gewinnen, tut 80 Millionen Scheffel, während bei einsichtsvoller Kultur das sechste Korn gewonnen werden könnte, tut 120 Millionen Scheffel, sind diese 40 Millionen Scheffel im ersten Falle eine Kleinigkeit für den Staat? Welche Finanzkunst vermag diese Kleinigkeit zu ersetzen?" (25) Das sitzt. Gewünscht wird nun der von sich aus strebsame, interessierte Untertan mit "industriöser Gesinnung". Von der Kanzel herab wird über die Notwendigkeit der Blatternimpfung und des Kleeanbaus gepredigt und über die Gottgefälligkeit von Blitzableitern. Das 18. Jahrhundert wird zum Jahrhundert der Pädagogen. Der vielgerühmte Joachim Heinrich Campe schreibt 1786 "Über einige verkannte, wenigstens ungenutzte Mittel zur Beförderung der Industrie, der Bevölkerung und des öffentlichen Wohlstandes": "Will man eine Nation umformen, will man verständige, kluge, gewandte, emsige und wackere Menschen bilden, so gebe man die alten auf, und beschränke seinen Fleiß auf denjenigen Stoff, der noch bearbeitet werden kann, weil er noch nicht abgehärtet ist... In den Schulen, ihr Fürsten, in den Schulen, ihr Väter des Staates, in den Schulen und nirgends sonst muß man die Werkstatt anlegen, wenn man Menschen veredeln, Gewerbe, Künste und Wissenschaften befördern und Nahrung und öffentlichen Wohlstand des Landes erhöhen will."(26)

In Baden ist die Volksschule seit 1755 Pflicht, nachdem die ein Jahr zuvor in Badenweiler erprobte Schulordnung für das ganze Land verbind­lich gemacht wurde. Im badischen Schulschematismus von 1765 (27) wird neben Lesen und Schreiben auch das bei vielen Lehrern unbeliebte Rech­nen eingefordert. Unterstützt werden die Forderungen des Staates von engagierten Juristen und Theologen, vor allem aber über die massenhaf­te Verbreitung einer volkstümlichen "Hausväter- und Kalenderlitera­tur". Johan Peter Hebel, der damalige Direktor des Karlsruher Gymna­siums, ist sicher einer der bekanntesten Kalenderbuch-Schreiber. Das Zusammenfallen der Schulreform (1755) und der Verpflichtung aller Haushalte zur Annahme eines "inländischen Kalenders um 4 Kreuzer"(28) nur wenige Jahre danach ist sicher kein Zufall: "So dient derselbe... zur allmählichen Verscheuchung abergläubischer Sätze, zur Bekanntma­chung landwirtschaftlicher Entdeckungen und diätischer Lehren."(29) Worum ging es? Vor allem der bereits Anfang des 18. Jahrhunderts ein­geführte Kartoffelanbau stagnierte, weil es den Bauern an Kenntnissen mangelte: Zu frühes Ernten, Abschneiden des Kartoffelkrautes und schlechte Lagerung brachten enorme Einbußen. 1790 fordert Markgraf Karl Friedrich über den Stand der Kartoffelforschung einen Bericht, der Grundlage für eine "belehrende Abhandlung fürs Volk"(30) wird, welche 1796 auf Staatskosten im "Historischen Landkalender für die ba­dischen Markgrafschaften" verbreitet wird.

Die Verbreitung der Lesefertigkeit wird nun endgültig zwingend, Sommerschulen werden nun vielfach mit härteren Strafen durchgesetzt. Vom allgemeinen pädagogischen Optimismus des 18. Jahrhunderts, der sich im badischen Raum recht erfolgreich zeigte, waren in der Pfalz nur abgeschwächte Ausläufer zu spüren. Mit den Kurfürsten Johann Wilhelm (1690-1716) und Karl Philipp (1716-1742) wurde die Rekatholisierung der Pfalz begonnen und es entstand ein hundertjähriger "Gra­benkrieg" der Landesführung mit den Reformierten. Für die "höhere Bil­dung" in Heidelberg engagierten sich die Jesuiten, bis ihr Orden 1773 aufgehoben wurde - und sie durch die französisch sprechenden Lazaristen ersetzt wurden. Für Mädchenbildung traten Ordensschwestern ein. Die Volksschulen waren abhängig von einzelnen Kirchenbehörden. Es gab in Heidelberg sieben reformierte, zwei lutherische und drei katholische Schulen. Eine einheitliche Lehrerbildung wurde von allen Religions­parteien abgelehnt, als die Pfalz schließlich 1803 an Baden fällt. "Beim Übergang war der Zustand der Schulen in keinem deutschen Lande erbärmlicher als in der Pfalz."(31)

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