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Hooligans - Angry Young Men

„Hooligans“, so heißt der 2005 erschienene Film, für den die deutsche Regisseurin Lexi Alexander mehrfach ausgezeichnet wurde. Keine leichte Kost für zarte Gemüter, aber eine ehrliche Darstellung der Szene, die für viele fremd und abstoßend wirkt, weil sie vermuten, es gehe dort nur um willenlose Saufbolde ohne jegliche Hirnsubstanz. Mitnichten!

Für „Herr der Ringe“-Fans ist es zunächst schwer vorstellbar, dass Elija Wood hier in der Rolle des jungen Intellektuellen namens Matt nicht nur zum Fußball-Fan wird, sondern auch Gefallen an der so genannten „dritten Halbzeit“ findet, den Schlägereien und dem Austesten der eigenen Grenzen im Faustkampf mit rivalisierenden Fans gegnerischer Mannschaften. Wie kann ein zarter Intellektueller so tief sinken, könnte man denken. Weit gefehlt. Der Wandel von Matt ist hier genauso nachvollziehbar wie der jener Jugendlichen, die in der ersten Filmfassung der „Welle“ (1985) von gelangweilten High-School Kids zu fanatischen Anhängern einer neuen Form der Diktatur wurden.
Wie ist es dazu gekommen, dass Matt zum Hooligan wird? Er muss kurz vor dem Abschluss seines Journalismus-Studiums aufgrund einer üblen Intrige seines Zimmergenossen die Elite-Uni Harvard verlassen. Der Lümmel aus einer reichen Familie hat ihm seine Drogen untergeschoben – und Matt muss sich eine Auszeit nehmen. Er haut ab nach Europa, genauer gesagt nach London, wo seine Schwester Shannon mit ihrem Mann Steve wohnt. Steve ist früher Chef einer Hooligan-Gruppe gewesen, hat sich aber seiner Frau zuliebe aus der Szene zurückgezogen. Sein Bruder Pete ist jedoch in Steves Gruppe nachgerückt – und ausgerechnet der nimmt sich nun sofort des Neulings aus Amerika an. So sehr, dass Matt gegen den Willen seiner Schwester zu seinem neuen Freund übersiedelt. Pete und seine Freunde sind die Anführer der „Green Street Elite“, einer Hooligan-Gruppe von Westham United. Matt wird zunächst von der Gruppe abgelehnt – und Pete will ihn anfangs gar nicht zum nächsten Derby mitnehmen, versucht ihn loszuwerden, weil das alles eine Nummer zu groß für ihn sei. Der intellektuelle Yankee scheint wenig geeignet für die Green-Street Elite; noch dazu ist er ein ehemaliger Journalismus Student – und Journalisten sind für die Hooligans so gut wie Feinde. Doch Matt ist am Ende doch dabei und sitzt mit Pete und seinen Kumpanen im Stadion. Nach dem Spiel versucht Pete, den Ami endlich loszuwerden und schickt ihn zur U-Bahn Station. Doch als dann die gegnerische Seite urplötzlich den Fight anfängt, die sogenannte „dritte Halbzeit“, ist Matt gezwungen umzukehren und seinen neuen Freunden zu helfen. Er schlägt sich wacker, sie gewinnen – und er gehört nun dazu. In Harvard ausgestoßen, gehört er nun dazu, bekommt einen Spitznamen verpasst und ist integriert, integriert in einer Gruppe, bei der es zwar um Gewalt geht, bei der aber auch Freundschaft, Ehre, Treue und Loyalität die Motivation für den Zusammenhalt liefern. Der bedingungslose Körpereinsatz gehört dazu.

Als Matt sich mit dem ihm nachgereisten Vater trifft und mit diesem, einem bekannten Journalisten, vor einem großen Verlagshaus gesehen wird, wächst Misstrauen in der Hooligan-Gruppe, über deren Aktionen er ganz privat Tagebuchaufzeichnungen führt. Matt gerät ins Zwielicht von Vermutungen, er sei ein eingeschleuster Pressespion. Der Film nimmt, das sei vorweggenommen, ein tragisches Ende. Nicht für Matt, der zurück an seine Uni reist und sehr viel über Kameradschaft gelernt hat, aber für seine englischen Freunde Pete und Steve, auch für seine Schwester, die Steve mit ihrem gemeinsamen Baby verlässt. Zurück bleibt der Eindruck, dass junge Männer sich leicht von körperlichem Kampf in Gruppen faszinieren lassen, dass Gewalt hier aber nicht immer einzugrenzen ist, in einen ewigen Kreislauf um Vorherrschaft mündet,  dass „alte Rechnungen“ plötzlich aufgetischt werden und alle Spielregeln über den Haufen werfen…

Über Hooligans wird auch bei uns immer wieder diskutiert, wenn es mal wieder Krach vor oder nach einem Fußballspiel gegeben hat. Als im Juni 1998 der französische Gendarm Daniel Nivel nach dem Spiel Deutschland gegen Jugoslawien schwerste Kopfverletzungen erlitt, für sechs Wochen ins Koma fiel (und seitdem schwerbehindert ist), gingen die Bilder der Prügelszene um die ganze Welt. In der Regel gibt es aber unter Hooligans einen Ehrenkodex, dass nur gegnerische Hooligan Gruppen angegriffen werden, dass man sich – vermutlich auch wegen der zunehmenden Videoüberwachung - außerhalb der Stadien für ein Zusammentreffen etwa gleichstarker Gruppen trifft und nur mit Fäusten zuschlägt. (Dieser Ehrenkodex wird heute oft in Ost- und Südeuropa, aber zunehmend auch in Deutschland missachtet)

Hooligans stammen, anders als im Film gezeigt, aus unterschiedlichen Schichten, von Arbeitern über Angestellte bis hin zu Akademikern sind alle vertreten, männliche Jugendliche und Jungmänner im Alter von 14 bis Mitte/Ende 40 Jahren.

Wie weit sie in ihren Kämpfen gehen, das hängt von der Situation und der historischen Lage ab, in die sie hineinwachsen. Von 1933 bis 1945 leben sie in einer „kranken Zeit", schreibt Hans-Ludwig Kröber am 11.10.2012 in der „ZEIT“. Kröber ist Chef des Instituts für Forensische Psychiatrie der Berliner Charité und tritt in vielen Strafverfahren zu Gewaltverbrechen als Sachverständiger auf. „In der Lebensphase, in welcher der männliche Jugendliche ein Selbstkonzept entwickelt, wer er ist und wer er sein will, lockt stets die Rolle des Kämpfers, genauer: des Kriegers. Dem am nächsten steht das Konzept des Sportlers, und in beiden Fällen geht es um den Einsatz, das Erproben und Riskieren des eigenen Leibes. Natürlich gibt es andere Rollenangebote, die abwechselnd oder parallel eingeübt werden: Das des Fürsorglichen, des Helfers, des Liebenden, des Fantasielandbewohners und andere. Der Krieger kommt gewöhnlich in der Gruppe vor, im Trupp, in der Mannschaft, in der Garde.
Die Anziehungskraft bestimmter militanter Gruppen liegt nicht in deren Ideologie, sondern in ihrer Gewaltbereitschaft. Man geht zu den Hools und nicht zur normalen Fangruppe, weil man Gefahr erleben möchte, den Zusammenhalt im Kampf, den eigenen Mut, den Sieg. All diese Gruppen, ob Hooligans, Neonazis, Anarchisten oder Stadtteil-Gangs, gewinnen ihre Mitglieder nicht auf Schulungsabenden und durch ideologische Überzeugungsarbeit, sondern indem sie zu Aktionen aufrufen und die Einladung aussprechen, sich gemeinsam der Gefahr auszusetzen. Man kommt zusammen, um zu kämpfen, und manch einer stellt sich dabei vor, ob er wohl stark genug sein könnte zu töten.
Ob es dann aus den Taten solcher Jungengruppen heraus zu Tötungsdelikten kommt, hängt vom Zufall ab oder davon, ob Waffen eingesetzt werden. Vom Zufall hängt oft auch ab, wer zuletzt Täter und wer Opfer wird. Wenn ein solcher Jugendlicher tötet, muss das nicht bedeuten, dass er dauerhaft gefährlich ist. Es bedeutet nicht einmal, dass er ein Gewaltproblem hat.“ (Hans-Ludwig Kröber, a.a.O.)

Es muss frustrierend für Kröber sein, einer saturierten, unterhaltungssüchtigen und konsumorientierten Öffentlichkeit klarmachen zu wollen, „dass Gewaltausübung lustvoll sein kann“, während andere „Spezialisten“ davon ausgehen, Gewalt ließe sich wegtherapieren, wenn man es nur aufrichtig und mit höherem Einsatz probiere. Das Problem ist nur: Die meisten Gewalttäter sind genauso wenig krank wie die Täter im Dritten Reich oder die Täter in Ruanda 1995 es gewesen sind. Kröber: „Die Erfolgsquote bei der Therapie tatsächlich psychisch kranker Rechtsbrecher (also etwa jedes siebten zu einer Freiheitsstrafe Verurteilten) ist sehr hoch. Die Therapieerfolge bei psychisch gesunden Straftätern dagegen sind dürftig: Bei 90 Prozent tritt keine spürbare Besserung ein. Warum auch, sie sind normal.“ (a.a.O.)

„Die Täter sind ganz normale Jugendliche, Heranwachsende. Kinder fast, junge Krieger in Sneakers. Sie ziehen herum und suchen den Kampf. Manche tragen auch Springerstiefel und Glatze, manche ziehen sich Fuß­balltrikots über, nennen sich Hooligans und behaupten, sie kämpften nach fairen Regeln. Diese Kämpfe gibt es in großer Zahl, und sie enden mitunter tödlich.
Die typische Konstellation: Die Täter sind vier Jungs, ihnen gegenüber zwei von vorneherein un­terlegene, stark alkoholisierte Opfer. Von den vier Tätern trägt einer echte Zerstörungswut in sich und psychische Probleme, gerade so einer ist oft der Anführer. Zwei sind eigentlich intakt, aber noch dabei, herauszufinden, wer sie eigentlich sein wollen, und der vierte Junge ist häufig muster­gültig sozialisiert, aber auch interessiert, das »männliche Leben«, den Kampf zu erfahren. In der Schule haben die Lehrerinnen allen vieren erzählt: Gewalt ist überflüssig! Man kann - stattdessen - über alles reden. Das haben die Kindergärtnerinnen, und Mutti, auch schon gesagt. Doch die Jungs wissen längst: Frauengerede.

Gewalt konstituiert Macht, schon in der Schule. Der Gewalt kann ein Junge nicht immer auswei­chen. Man kann nicht über alles reden, jedenfalls nicht nur. Um selbst eine gute Position im sozia­len Spiel zu erreichen, um Stärke zu demonstrieren, muss man bereit sein zu kämpfen. Man muss lernen, zu widerstehen, sich durchzusetzen. Dies geht gemeinsam mit anderen meist besser als allein.
Bei Gewalt von jungen Männern geht es oft um Selbstbehauptung und zugleich um den Erwerb von Tugenden, die gelernt und geübt werden müssen: Mut, Tapferkeit, Loyalität zu anderen, eine gewisse Rücksichtslosigkeit (auch gegen sich selbst).

In der Hochkultur und in der Pädagogik aber werden die traditionellen Konzepte von Männlichkeit zu Sekundärtugenden degradiert: Mut, Tapferkeit, Stehvermögen, Wehrhaftigkeit, Stärke - was soll das? Wozu soll es gut sein? Die moderne »weiche« Pädagogik versucht den Kindern einzure­den, dass Gewalt böse ist, dass man sie immer vermeiden muss. Dass man im Zweifel nicht zu­rückhauen, sondern bei Erwachsenen Hilfe suchen soll, die dann anstelle des Kindes alles regeln. Keine eigene Macht aufbauen (als jemand, der Respekt genießt oder einer Gruppe angehört, die Respekt genießt), sondern im Schlepptau von Starken (im schlimmsten Fall der Mutter) agieren – man begreift, dass dieses Konzept bei den Jungs im Kindergarten, im Schullandheim oder bei der Bundeswehr auf sehr wenig Begeisterung stößt.“ (Kröber, a.a.O.)

Wenn die Verlockung der Gewalt so tief  im nur wenig bewussten Teil unserer Kultur verankert ist, dann sollte man nicht, so wie in der USA, den Gebrauch von tödlichen Waffen so sehr verherrlichen und den Erwerb von Schusswaffen praktisch freistellen. Man füllt damit nur die Gefängnisse oder weicht bestenfalls auf Therapieversuche an im Kern gesunden jungen Menschen aus. So wie Kirsten Heisig, die bis zu ihrem Tod im Jahre 2010 Jugendrichterin an Deutschlands größten Amtsgericht in Berlin-Tiergarten war, sieht auch Kröber in der staatlichen Strafandrohung und der raschen Reaktion auf die jeweilige Tat weit mehr Möglichkeiten, Gewalttaten zu verhindern. Über Therapieversuche lachen gesunde Gewalttäter meist nur. „Das öffentliche Wissen darum, dass mit dem ‚genetischen Fingerabdruck‘ durch DNA-Spuren so gut wie jeder Täter überführt werden kann, hat mehr Vergewaltigungen und Sexualmorde verhindert als alle Sexualtherapien zusammen.
Nicht die Seelenkur, sondern ein hohes Risiko der Bestrafung schreckt den gesunden Gewalttäter ab.
Zu einem rationalen Umgang mit der Gewaltgefahr gehört, dass wir sie nicht in sublime Hirnbe­zirke mit kaputten Spiegelneuronen verbannen, sondern als normal begreifen. Gewalt gehört zur conditio humana, dies zu verleugnen ist lebensgefährlich. Man kann Gewalt nicht durch Anti-Aggressions- oder Empathietraining beseitigen, man kann sie nur möglichst gut »einhegen«, wie die Historiker sagen. In Fesseln legen wie einst die Liliputaner den Gulliver.

Das Wichtigste bei der Einhegung, Kanalisierung und Entschärfung von Gewalt ist ein sichtbares, eindeutiges und wirksames Auftreten der Repräsentanten staatlicher Gewalt. Ich meine damit Po­lizei und Strafjustiz. Mögliche Täter einzuschüchtern, indem der Öffentlichkeit die rasche Ergrei­fung und Bestrafung von Verbrechern nicht nur zugesichert, sondern garantiert wird, ist eine essenzielle Voraussetzung. Ein männlicher Umgang mit vor allem jugendlichen Tätern ist notwendig. Der Staat muss ihnen als Respektsperson entgegentreten. Und sie selbst dürfen nicht als schwach und belehrungsbedürftig behandelt werden, sondern als verantwortlich, stark und erfah­ren. Sie müssen spüren, dass man sie nicht zu Mädchen umerziehen möchte, sondern zu selbstdis­ziplinierten Männern.

Gerade Jungen aber müssen auch das Kämpfen lernen, den körperlichen Kampf, den geistigen Kampf, allein und in Mannschaften und - selbstverständlich - am Computer. Den eigenen Körper zu beherrschen ist ein lohnendes Ziel. In der Auseinandersetzung mit anderen die eigenen Gefühle zu beherrschen und Regeln einzuhalten ebenfalls. Die Regeln müssen von allen geteilt und getra­gen werden, Verstöße führen zu Auszeiten und Strafen. Trainierte Selbstdisziplin, auch und gerade wenn es wehtut und man wütend wird, ist ein Ausdruck der eigenen Stärke.“ (Hans-Ludwig Kröber, „Die ZEIT“, 11.10.2012, Nr.42)

Wenn die Anhänger des Rechtsstaates das nicht rechtzeitig kapieren, dann werden andere die Begeisterungsfähigkeit junger Leute für sich aufsammeln. In Krisenzeiten wie heute, wo Arm und Reich sich immer weiter auseinanderentwickeln, ist dies eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Näheres kann man nachlesen in: Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen. Gunnar Heinsohn. Orell füssli-Verlag AG, Zürich 2003.

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