Praktische Heimatkunde

Im Frühjahr 1986 haben wir, die Lehrer der Gruppe MOPÄD, den im Jahr zuvor fertiggestellten Schüler-Videofilm ("Zeitensprung") über die Geschichte des Heiligenbergs in mehreren Heidelberger Schulen vorgeführt. Eine achte Klasse im Bunsen-Gymnasium wollte daraufhin ebenfalls einen Film zu einem lokalgeschichtlichen Thema drehen. Vom Lehrplan her bot sich das Thema Mittelalter an. Die meisten Schüler setzten als Maßstab für ihre Filmpläne sofort eigene Film- und Fernseherlebnisse an und malten sich gruselige Henkerszenen über das ach so finstere Mittelalter aus. Und perfekt wie im Kino sollte alles werden. Wir mußten erst einmal gegensteuern, um die Erwartungen dann nicht zu enttäuschen.

Schon die ersten Einführungen in die Bedienung der Kamera und des Videorecorders an zwei Nachmittagen machten deutlich, daß wir kaum mit Vorerfahrungen rechnen konnten.

Die erste Phase unserer Arbeit bestand in der historischen Recherche. Dafür hatten wir die denkbar besten Voraussetzungen, da für den Herbst des Jahres 1986 die 600-Jahr-Feier der Universität angekündigt war und überall die Vorbereitungen auf Hochtouren liefen (große Teile der während des 30-jährigen Krieges entführten Bibliotheca Palatina sollten in die Stadt zurückkommen). Zudem war das Mittelalter über das Buchereignis "Der Name der Rose", das gerade verfilmt worden war, zu einem öffentlichen Gesprächsthema ersten Ranges geworden. öffentliche Ereignisse erleichtern Medienprojekte in der Schule: Kaum ein Experte, der uns nicht gerne unterstützt hätte, das Stadtarchiv stand uns offen - und im Keller der Friedrich-Ebert-Schule fanden wir sogar ein Modell des mittelalterlichen Heidelberg, das der inzwischen verstorbene Schulleiter, Wolfgang Wanek, aus Lego-Teilen erbaut hat. Hier ließen sich die räumlichen Verhältnisse und der Aufbau der alten Stadt darstellen, und zusätzlich konnten die Schüler Kameraführung, Arbeit mit Bildausschnitten und dergleichen schon ein wenig einüben.

Wichtig für die Projektarbeit mit Schülern ist die richtige Aufteilung in Gruppen. Einige Schüler sind besser bei der Recherche, bei der Befragung der Experten und dem Sammeln von Informationen. Andere sind besser bei der technischen Arbeit: Filmen, begleitende Fotoaufnahmen, Tonaufnahmen. Wieder andere können besser Spielszenen inszenieren und umsetzen. Und genau hier liegt eine wichtige Aufgabe für Lehrer oder Medienpädagogen, die historische Unterrichtsprojekte leiten: Die eher fachlichen Arbeiten (,die natürlich schon durch das Verlassen der Lernwelt Schule reizvoll werden) müssen ergänzt werden durch unterhaltsame Passagen, die sich ins Fachliche einfügen lassen. Wie schon beim Film zur Geschichte des Heiligenberges haben wir auch hier wieder Spielszenen gefunden, welche die Aussagen der Experten sowohl verstärken oder kontrastieren, als auch zur Auflockerung der Arbeit und des späteren Filmes dienen. Dabei mußte das Schulgebäude bisweilen verlassen werden, um in alten Hinterhöfen, in Kellergewölben oder auf dem Marktplatz zu spielen und zu filmen.


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