Armer und reicher Teufel (Ernst Bloch)

Armer und reicher Teufel

Textinterpretation (Vorschlag)

„Armer und reicher Teufel“,  so heißt eine Kurzerzählung des berühmten Philosophen Ernst Bloch, die 1974 in „Geschichten zum Nachdenken“  von Rudolf Kreis veröffentlicht wurde. Bloch, der von 1885 bis 1977 gelebt und zuletzt in Tübingen Philosophie gelehrt hat, thematisiert in dieser 1930 erstmals erschienenen parabelhaften Erzählung die Frage, inwieweit Menschen willkürlich in das Leben anderer eingreifen dürfen.

Die Geschichte beginnt mit einem Hinweis auf das manchmal „merkwürdig“ (Z.1) gute Verhalten reicher Leute, die gerne „spielen“ und dabei arme Leute benützen.  Genau dies passiert, als ein reicher Amerikaner einem jungen, gutaussehenden Bergarbeiter das Angebot macht, nach einer Ausbildung in gutem Benehmen eine dreijährige Weltreise zu unternehmen. Mit genügend Geld könne er sich dabei alle Vergnügungen leisten, er müsse nur die Verpflichtung unterschreiben, dass er nach der Luxusreise wieder für 10 Jahre zurück in die dunkle Bergwerksgrube gehen wird.

Der junge Mann unterschreibt, zieht los, genießt für drei Jahre sein Leben und kehrt, „seinem Gönner“ (Z. 19) dankend, zurück, um danach wieder, wie verabredet, in das Bergwerk einzufahren. Dort wird er von den ehemaligen Kameraden, die ihm so fremd geworden sind wie die anstrengende und schmutzige Arbeit, verachtet. Daraufhin „streikte er verblüffend“ (Z. 27), fährt nach New-York und erschießt „seinen Wohltäter“ (Z. 27). Das Gericht zeigt Verständnis und spricht ihn frei.

Dieses überraschende Ende, der Freispruch für einen Mord, scheint mir den Schlüssel für eine Deutung der Geschichte zu enthalten. Wieso wird der junge Mann freigesprochen – und kann ich dem Urteil zustimmen?  Die Erzählung selbst muss dafür eine Antwort enthalten. Und wenn es sich wirklich um eine „Parabel“ handelt, wie ich anfangs angedeutet habe, dann muss ich in der Lage sein, aus der Bildebene der kurzen Erzählung auf eine mir halbwegs plausible Bedeutungsebene zu schließen.  Welche Hinweise liefert also die Geschichte?

 Ein auktorialer Erzähler liefert hier dem Leser in aller Kürze, quasi im Zeitraffer, eine Geschichte, die zeigt, wie Menschen mit viel Geld andere Menschen zu reinen Unterhaltungszwecken manipulieren können. Ein Erzählerkommentar nimmt die Moral der Geschichte auf beinahe ironische Weise vorweg, indem er das Spiel dieses namenlosen Reichen als „merkwürdig gut“ (Z. 1) bezeichnet. Im Titel wird von einem reichen „Teufel“ gesprochen – und man ahnt sofort, dass dieser „merkwürdig“ gute Mensch als ein „Teufel“ gelten könnte, wenn man, nun neugierig geworden, mehr über ihn erfährt. Statt aber nach der noch wohlklingenden Erläuterung des „sonderbarsten“ (Z.3) Wettbewerbs  jetzt düstere und teuflische Begebenheiten zu schildern und gehörig mit den entsprechenden Adjektiven auszuschmücken, lässt der Erzähler, sachlich und scheinbar neutral, in kurzen, teilweise elliptischen Sätzen, in denen das Subjekt weggelassen wird (Z. 14 ff), das kurze schöne Leben des jungen Bergarbeiters Revue passieren.  Die Personen werden nur in ihren Rollen genannt: ein junger Bergarbeiter, ein reicher Amerikaner, ein Hofmeister, Frauen, die glücklich machen, Vizekönige und Kameraden im Bergwerk. Keine Namen, keine Charaktere, was wohl darauf hinweist, dass hier ein beispielhafter Ablauf gezeigt werden soll, ein Ablauf, der als typisch gelten kann und den man verallgemeinern soll.  Nur andeutungsweise wird das Innenleben des Bergarbeiters benannt, als er nach der Reise wieder in die Grube zurück kommt und der Erzähler ihm in „erlebter Rede“ ein wenig Ausdruck gibt: „- unvorstellbar jetzt die ersten Tage, Monate…“ (Z. 22-25) All dies spricht dafür, dass es sich hier um eine „Parabel“ handelt, eine kurze Gleichnis-Erzählung mit eigenständiger Handlung, durch die Vorgänge oder Tatsachen eines anderen Vorstellungsbereichs (hier die Ausbeutung und Schikane der Armen durch die „teuflischen“ Reichen) anschaulich gemacht werden.

Was sollte diese 1930 erstmals veröffentlichte Parabel aus Sicht von Bloch bedeuten? Vermutlich wollte dieser das zynische Verhalten von reichen Menschen gegenüber armen Menschen zeigen, die man mit Geld und dem Angebot von  Luxus aus ihrem Leben herausreißen kann – und die man wie ein Spielzeug beiseitelegt, wenn man sie nicht mehr braucht. Damit, dass der entwurzelte Bergarbeiter nach diesem Spiel nicht mehr mit seinem alten Leben zurechtkommt, will der Reiche nichts zu tun haben. Vermutlich ahnte er im Voraus, dass der Arbeiter nach drei Jahren Luxusleben mit der Bergwerksarbeit nicht mehr zurechtkommen würde. Dann wäre das Ganze ein schäbiges Spiel. Oder aber, er hatte keine Ahnung, dass man nach der Gewöhnung an ein unterhaltsames Luxusleben die schmutzige Arbeit in einer Bergwerksgrube nicht mehr erträgt, vor allem wenn man sich von den Kameraden entfremdet hat. Dann hätte er jedoch einfach selbst mal für einige Zeit im Bergwerk arbeiten können, um diese Erfahrung zu testen. (Er hätte sogar den Vorteil gehabt, dass er sich bei der Rückkehr in sein altes Leben von keinen Kumpeln hätte entfremden müssen, denn zumeist haben ja überhebliche Reiche keine Kumpel.)
Wie dem auch sei, Bloch lässt die Geschichte nach dem Mord an dem Reichen mit einem Freispruch für den Bergarbeiter enden, was den Leser der Parabel verblüfft und zum Nachdenken anregt.

Obwohl ich Blochs Absicht, das selbstherrliche Spiel von Reichen mit dem Leben von Armen zu entlarven, erkannt zu haben glaube, gehe ich davon aus, dass dieses Gerichtsurteil in einem Rechtsstaat keinen Bestand haben darf. Wenn auch der Wunsch nach Rache beim Bergarbeiter vielleicht aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus entstanden ist und das Gericht dies anerkennt, darf der Staat diesem privaten Rachewunsch nicht nachgeben, denn Gerichte sind Teil des Rechtsstaates. Sie müssen sich an die Regeln, an die Gesetze halten, damit keine falschen Vorstellungen von Privatjustiz entstehen und sich im Gedächtnis der Menschen festsetzen. Der Bergarbeiter mag zwar ein „armer Teufel“ sein, was in der Umgangssprache ja nach viel Verständnis und Bedauern klingt, denn ein „armer Teufel“ ist ein bemitleidenswerter Mensch, aber er ist hier doch auch ein „Teufel“. Er hat das Angebot angenommen, hat mit sich spielen lassen, ist dadurch in eine schlimme Lage geraten und hat in der Folge am Ende einen Mord begangen.

Nun frage ich mich aber, ob nicht auch heute genügend Beispiele zu finden sind, bei denen reiche Menschen andere wie Spielzeuge benützen. Dabei möchte ich den Blick erweitern und mich nicht nur an den bekannten Spruch „Geld ist Macht“ halten, sondern auch andere Formen der Macht einbeziehen, die zur willkürlichen Manipulation von Menschen taugen. Statt mit Geld kann man Menschen ebenso mit direkter Gewalt oder Gewaltandrohung steuern. Aber auch mit gezielten Gerüchten, Mobbing, Stalking usw. - Machtgefühle lassen sich hier genauso genießen wie beim „Kauf“ von Menschen.

Zunächst zum Geld: Wie man damit Menschen manipulieren kann, sieht man heute mehr denn je in allen Lebensbereichen: Im Sport zeigt sich dies noch relativ harmlos, wenn Spieler gekauft werden, die durch gutes Fußballspielen der Armut in Entwicklungsländern entkommen können. Eine Zeitlang, solange sie jung und gesund sind, können sie sogar viel Geld verdienen und sich eine Basis für das Leben nach der Sport-Phase schaffen. So müssen sie nicht zurück in die Armut rutschen, der sie entwöhnt sind. Sie können sogar ihrer Familie aus der Ferne heraus Unterstützung zukommen lassen. Allein die Fußball-Bundesliga bietet hier viele gute Beispiele. Natürlich gibt es hier auch viele Bespiele von jungen Menschen, die scheitern und wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen oder bei uns am unteren Ende der Gesellschaft landen. Allerdings fallen die weniger auf.
Etwas anders sieht das bei der Rekrutierung von Mitläufern in kriminellen Organisationen aus. Hier wird nicht nur mit Geld, sondern auch mit Erpressung und direkter Gewaltanwendung gearbeitet. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Grenzöffnung im Europa der 90er Jahre haben sich bestehende Gruppen der Organisierten Kriminalität (OK) ausgeweitet und sind neue derartige Gruppen dazugekommen. Empörend dabei z.B. der Frauenhandel, bei dem arme oder neugierige Frauen mit angeblich guten Jobs in den Westen oder nach Israel gelockt werden – und dann nach kurzer Zeit im Bordell landen, aus dem sie nur schwer wieder entkommen können. Dadurch, dass extreme Ungerechtigkeiten meist nur Mitleid erwecken, wenn sie weit weg in Entwicklungsländern passieren, fallen die „Spiele“ der organisierten Kriminalität bei uns kaum auf, werden in den Medien vergleichsweise selten abgebildet.
Und wer in den Drogenkonsum gelockt wird, z.B. durch kostenlose oder billige Angebote, vielleicht auch nur durch Neugierde oder Gruppendruck, der hat zunächst ein gewisses Hochgefühl, bis er dann der Abhängigkeit, der Sucht verfällt und nicht mehr in sein gewohntes Leben zurückfindet. Drogenbosse neigen auch dazu, willkürlich mit dem Leben von Abhängigen zu spielen. Würde man Drogenopfer wirklich zählen, denen das Leben verkürzt oder ganz genommen wird, dann müsste man Großdealer als Massenmörder betrachten. Und das auch dann, wenn viele der Opfer am Anfang den Drogenkonsum frei gewählt haben, so wie der junge Bergarbeiter in der Geschichte von Ernst Bloch sein zeitlich begrenztes Luxusleben frei gewählt hat.

 Einen etwas düsteren Ausblick in das künftig mögliche Spiel von Reichen mit Armen liefert die als Buch und Film veröffentlichte Geschichte „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“. „Panem et circenses“, Brot und Spiele“ so hieß im alten Rom das Sprichwort, das an die Befriedung der Unterschicht durch ein genügend großes Nahrungsangebot und durch Ablenkung in öffentlich organisierten Spielen erinnert. Die „Hunger Games“ sollen dagegen die verschiedenen Distrikte des nach einem gescheiterten Aufstand gegen eine ausbeuterische Regierung unterworfenen Landes (im ersten Teil der 3-teiligen Erzählung sind es 12 Distrikte) an eben ihre Unterwerfung durch eine diktatorische reiche Oberschicht mahnen. Die grausamen Spiele, zu denen jeder Distrikt zwei jugendliche Kämpfer schicken muss, die sich dann jagen und umbringen, sollen die Menschen einschüchtern und sie daran erinnern, dass sie der Macht der Regierung schutzlos ausgeliefert sind. Von 24 Kämpfern, die paarweise jeweils einen Distrikt vertreten, darf am Ende nur einer überleben – und dieses Überleben soll zur Ehre des jeweiligen Distriktes gereichen, ein Funken Hoffnung, aber die abhängige Lage der Distriktbewohner bleibt bestehen. Das Kapitol ist die Hauptstadt von Panem und ein Präsident namens Snow regiert wie ein Diktator. Die Bewohner des Kapitols sind die reichsten Bürger von Panem. Sie leben wie die Bürger im alten Rom in dekadentem Luxus. In oder nahe der Hauptstadt  finden auch die Hungerspiele statt. Alle Tribute – das sind die jugendlichen „Gladiatoren“ - werden mit einem High-Tech-Zug aus ihrem Elend zu den Hungerspielen ins luxuriöse Kapitol geholt, um sie dort zu trainieren und zu präsentieren. Für die reichen Hauptstadtbewohner sind die Spiele ein besonderes Vergnügen und die wohl  wichtigste Veranstaltung des Jahres. Ein Vergnügen auf Kosten der Armen – wie im alten Rom, wo Sklaven oder Kriegsgefangene für tödliche Spiele benützt wurden. Man kann nur hoffen, dass hier nicht unsere Zukunft abgebildet ist.

(P.S. Ich kenne nur den ersten Band der Geschichte und den darauf bezogenen Film. Es gibt bereits zwei  weitere Bände - und Film Nr. 2 kommt erst 2014 in die Kinos)

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