V. Richtstätten und Gefängnisse im alten Heidelberg

Auch außerhalb der Stadt gab es eine stattliche Anzahl von Richtstätten. An der Kreuzung Rohrbacherstraße / Bergheimerstraße befand sich einst der "Rabenstein", wo ebenfalls mit dem Schwerte gerichtet wurde.

Der Galgen war das Zeichen der Hochgerichtsbarkeit. Meist stand er - von allen Seiten gut sichtbar - auf einer Anhöhe und eignete sich daher vorzüglich zur Abschreckung. Oft wurde er auch an Wegscheidungen und Kreuzungen errichtet, die von vielen Menschen passiert wurden. Das Hochgericht an der Kreuzung Römerstraße / Franz Knauf Straße ist uns in seiner damaligen Gestalt bekannt. Es muß so ausgesehen haben wie auf dem Merian-Stich: ein Holzgerüst aus drei Pfosten mit Querbalken. Bei Erdarbeiten stieß man an der Bahnüberführung vor der Handelsschule auf die Fundamente, die im Dreieck angelegten, zwei Meter im Quadrat starken Sandsteinpfeiler. Lange Zeit hieß das Gelände "Galgengrund" und die Römerstraße "Galgenweg".

Hinrichtungen, insbesondere Enthauptungen, wurden auch auf einem Feld zwischen der Mannheimer- und der Eppelheimerstraße in der Nähe des Straßenbahndepots vollzogen. Am Stadtwall nahe dem Seegarten erhob sich zeitweilig ein Galgen; an der Ecke Bergheimerstraße / Hospitalstraße fanden Verurteilte den Tod durch Erhängen und durch das Rad. Am Römerplatz lag eine Beil-Richtstätte, und bisweilen stand hier auch - wie auf dem Kornmarkt - ein Schnappgalgen, der allerdings nur eingesetzt wurde, um einen Übertäter zu verwarnen.

Orte blutrünstigen Geschehens spüren wir auch in Handschuhsheim auf. Der sogenannte Gerichtsstuhl befand sich an der Stelle des heutigen Handschuhsheimer Friedhofs. Nach ihm wurde das Nordtor Handschuhsheims an der heutigen Friedhofsstraße "Stuhltor" genannt. Auf dem Gewann "Galgenbuckel" am Schnittpunkt der Güterbahnstrecke mit der alten Römerstraße, also nördlich der Tiergartenstraße und westlich des mathematischen Instituts stand ein Galgen.

In Kirchheim lag die Richtstätte des Zentgerichts auf dem Kirchheimer Buckel, und der Kirchheimer Zentgalgen war an der Kreuzung der Speyerer Straße aufgestellt.

In zahlreichen Gassen-, Weg und Gewannamen haben sich die schauerlichen Rechtsbräuche vergangener Zeit (oftmals bis auf den heutigen Tag) erhalten: Schindergasse hieß einst die Fahrtgasse. Im alten Dorf Bergheim gab es eine Galgengasse, die Römerstraße hier im Mittelalter Galgenweg, und der alte Verbindungsweg zwischen Wieblingen und Kirchheim heißt heute noch Diebsweg; er führte am Zentgalgen vorbei. (5)

Doch kehren wir in die Altstadt zurück, wo die Vollstreckung der Schandstrafen für starken Zulauf sorgte. Zu den bedeutendsten Heidelberger Schandstrafen zählte die öffentliche Bloßstellung am Pranger, in der Geige, im Triller und auf dem Bock. Die Verurteilten wurden vom Scharfrichter zum Marktplatz gebracht, wo der Pranger stand, auf einen Stuhl gesetzt und in Eisen gelegt. In die Hand bekamen sie eine Rute gelegt und häufig wurde ihnen eine Tafel umgehängt, die den Grund der Schandstrafe verriet, z.B. "Raufbold", "Verleumder", "Falschspieler". Der Triller, ein drehbarer Käfig, in dem der Verurteilte von der Menge herumgewirbelt wurde, stand bis 1740 auf dem Marktplatz. Größeres Aufsehen als die Gewöhnliche Geige erregte die Doppelgeige für zwei Personen, meist streitsüchtige Frauen, die sich an Hals und Hand in ein Brett eingespannt stundenlang gegenüberstehen mußten. Der Bock, auch Schandkarch und Hurenkarch genannt, wurde zur Bestrafung von Frauen verwendet, denen Sittlichkeitsdelikte zur Last gelegt wurden. An der Frontseite trug der Schandkarren einen Bockskopf, an den die Sünderin mit einem Halseisen gefesselt wurde. Dann bekam sie noch einen Strohkranz auf den Kopf gesetzt und wurde so durch die Stadt geführt. Bisweilen wurden die Verurteilten auch vor den Schandkarren gespannt und mußten diesen ständig um den Marktplatz oder durch die ganze Stadt ziehen. Züchtigungen fanden öffentlich auf dem Marktplatz oder im Rathauskeller und im Rathaushof statt.

Die Heidelberger Gefängnisse waren in den beiden Burgen und in den Türmen der Stadtbefestigung untergebracht. In der oberen Burg bei der Molkenkuhr war der im Bauernkrieg 1525 gefangene Bauernführer Hans von Thalheim untergebracht. Das berühmteste Heidelberger Gefängnis war der Turm "Seltenleer", den Pfalzgraf Ludwig V. an der Südwestecke des Schlosses errichten ließ. In diesem Turm saß der Rohrbacher Bürger Eisengrein gefangen, der im Jahre 1603 ein Attentat auf Friedrich IV. verübt hatte.

Auch die Türme am Brückentor auf der anderen Neckarseite dienten als städtisches Gefängnis. Dort wurden meist Leute eingesperrt, die nachts durch Schlägereien oder lautes Gegröle aufgefallen waren, bevor sie sich am nächsten Tag im Rathaus im Rathaus vor Gericht verantworten mußten.

Als Gefängnis diente auch der Hexenturm, der außerdem noch Diebsturm hieß. Das Gegenstück zum Diebsturm war der Frauenturm oder Käfig, dessen Überreste nach der Stadtzerstörung den nordwestlichen Teil der "Heuscheuer" bildeten. Neben dem Hexenturm im Innenhof der Neuen Universität ist dieser an seiner Rundung erkennbare Teil des heutigen Hörsaalgebäudes "Heuscheuer" der letzte Überrest der mittelalterlichen Stadtbefestigung. (6)

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