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Über die Grausamkeit

Über die Grausamkeit

(Auszug aus „Essais“, Michel de Montaigne, 1533-1592)

 Tugend, glaube ich, ist etwas anderes, etwas Edleres als der Hang zum Guten in uns. Innerlich ausgeglichene und gut veranlagte Menschen wandeln auf denselben Bahnen und tragen, in ihrer Handlungsweise, das gleiche Gesicht zur Schau wie tugendhafte Menschen. Aber, wenn ich von Tu­gend spreche, so klingt unbestimmt etwas Größeres, etwas Aktiveres mit, als sich durch eine glückliche Veranlagung ruhig und friedlich hinter der Vernunft herführen zu lassen. Wer zum Beispiel auf eine Beleidigung nicht reagiert, weil er von Natur nachgiebig und freundlich ist, dessen Hand­lungsweise wäre sicher sehr schön und sehr lobenswert: aber wenn sich einer durch eine Beleidigung tödlich getrof­fen und verletzt fühlt, und er trotzdem, entgegen dem lei­denschaftlichen Wunsch nach Rache, zur Waffe der Ver­nunft greift und, nach schwerem Seelenkampf, über die Rachsucht schließlich Herr wird, so hätte dieser sicherlich viel mehr getan. Der erste hätte richtig gehandelt, der zweite tugendhaft; die eine Handlungsweise kann als Güte, die andere als Tugend bezeichnet werden; denn die Be­zeichnung Tugend setzt offenbar eine Schwierigkeit und eine Gegenwirkung voraus; ohne Widerstand kann sie sich nicht bewähren. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Gott gut, stark, wohltätig und gerecht heißt, aber wir nen­nen ihn nicht tugendhaft; was von ihm kommt, kommt alles von selbst und ohne Anstrengung. ...

Die Tugend war es, die den Metellus trieb, allein von al­len römischen Senatoren den Übergriffen des gewalttätigen Volkstribuns Saturninus die Stirn zu bieten, als dieser mit aller Gewalt ein ungerechtes Gesetz zugunsten der Plebejer durchbringen wollte; dadurch war er dem Tode verfallen, weil Saturninus diese Strafe für Opposition festgesetzt hatte; seine Freunde, die ihn auf dem letzten Gang zum Richtplatz begleiteten, unterhielt er mit folgendem Ge­spräch: >Böses tun sei zu leicht und zu feig; recht handeln, wenn keine Gefahr dabei ist, sei etwas Gewöhnliches; aber das Rechte zu tun, obwohl es gefährlich ist, das sei die eigent­liche Aufgabe eines Mannes, der die Tugend vertreten wolle.< Diese Worte des Metellus geben uns ein deutliches Beispiel dafür, was ich zeigen wollte, dass nämlich Tugend und Leichtigkeit nicht Zusammengehen; und dass der be­queme, glatte, leicht bergab führende Weg, auf dem der na­türliche Hang zum Guten gleichmäßig dahinwandelt, nicht der Weg der eigentlichen Tugend ist; sie verlangt einen rauen, dornigen Pfad; sie verlangt entweder die Überwindung äußerer Widerstände, die das Schicksal dem Menschen, wie bei Metellus, gern in den Weg legt und ihn dadurch von seiner geraden Linie abzubringen sucht, oder aber innerer Wider­stände, die in den dunklen Trieben und den sonstigen Un­vollkommenheiten’ unseres Menschseins enthalten sind. ...

Tugenden können auch übertrieben werden; dafür ist der junge Cato ein gutes Beispiel. Er ersticht sich und geht in den Tod. Wenn ich mir das vorstelle, so glaube ich ihm ohne weiteres, dass er gar keine Aufregung und keinen Schrecken empfunden habe; dass er allein die gelassene Hal­tung, welche ihm durch die Gebote der stoischen Sekte vor­geschrieben war, dauernd beibehielt, ohne Erregung und ohne Teilnahme: der Tugend dieses Mannes war, glaube ich, zu viel Kraft und Vitalität beigemischt, als dass er sich damit begnügt hätte: er fühlte zweifellos Freude und Wonne an seinem, ach, so edlen Tun und genoss es, wie kein anderes seines Lebens.

>So schied er aus dem Leben, in dem freudigen Gefühl, einen Grund für sein Sterben gefunden zu haben.<[1]

Ich zweifle - so bestimmt nehme ich das an dass er den Wunsch gehabt hätte, die Gelegenheit zu einer so schönen Heldentat möge ihm genommen werden. Ja, wenn ich nicht bedenken müsste, wie uneigennützig er sein Privatinteresse hinter dem Gemeinwohl zurücktreten ließ, würde ich noch weiter gehen und annehmen: er war dem Schicksal dankbar, dass es ihn seine Tugend so prächtig zeigen ließ und dass es seinem schurkischen Gegner erlaubt hatte, die alte Freiheit seines Vaterlandes mit Füßen zu treten. Ich lese aus seinem Handeln etwas wie einen inneren Genuss heraus; er muss aus dem Gefühl seiner edlen und erhabenen Handlungs­weise eine durch ihre Besonderheit erregende Freude und eine Art männlicher Wollust geschöpft haben:

>Stolzer als der Tod.<

Das hat nichts zu tun mit einem unklaren Vorgefühl des Ruhms, […] sondern sein Gefühl entzündete sich an der Schönheit der Sache an sich...

Manche Tugenden, wie Keuschheit und Nüchternheit im Essen und Trinken, können zu uns kommen, weil der Kör­per nicht mehr mitmacht; Standhaftigkeit bei Gefahr (wenn man das dann noch Standhaftigkeit nennen kann), Gleich­gültigkeit gegen den Tod, Geduld im Unglück stellen sich oft deshalb bei den Menschen ein, weil sie nicht recht se­hen, was ihnen zustößt und was es damit für eine Bewandt­nis hat; Verständnislosigkeit und Dickfelligkeit bringen manchmal ganz ähnliche Wirkungen hervor wie tugend­hafte Gesinnung; wie ich oft habe beobachten können, dass einer gelobt wird für etwas, wofür er eigentlich Tadel ver­dient.

Über dieses Thema hörte ich einmal einen vornehmen Italiener, nicht gerade zum Ruhme seiner Landsleute, sich folgendermaßen äußern: Die geistige Gewandtheit und die Einfühlungsfähigkeit der Italiener sei so groß, dass sie Ge­fahren lange vorausahnten; man dürfe sich deshalb nicht wundern, wenn sie im Kriege oft um ihre Sicherheit sich be­sorgt zeigten, auch wenn die Gefahr noch nicht unmittelbar erkennbar sei. Die Franzosen, und ebenso die Spanier, wä­ren nicht so fein; deshalb wagten wir uns weiter vor; wir müssten die Gefahr erst vor Augen sehen und mit ihr in Be­rührung kommen, ehe wir Angst davor bekämen; dann hät­ten wir auch nicht mehr Haltung; die Deutschen und die Schweizer aber, von Natur gröber und schwerfälliger, merk­ten auch dann noch kaum, was eigentlich los sei, wenn die Schläge schon auf sie niederprasselten. Er meinte das natür­lich spöttisch. Es ist aber beim Kriegshandwerk wirklich so, dass die Neulinge sich oft leicht der Gefahr aussetzen, unbe­dachter als später, wenn sie abgebrühter sind:

>Er weiß, wie der Waffenruhm ein junges Herz lockt und die Aussicht, sich im ersten Gefecht auszuzeichnen.1 […]<

Ich habe mir nie besondere Mühe gegeben, die Wünsche, die mich bestürmten, zu bekämpfen; meine Tugend ist eine Zufallstugend oder besser, eine Zufallsunschuld. Wenn ich eine stärkere Anlage zur Liederlichkeit gehabt hätte, so hätte ich wahrscheinlich jämmerlich Schiffbruch gelitten; denn ich habe eigentlich nie wirkliche seelische Energie aufwenden müssen, um mit meinen Leidenschaften fertig zu werden; wer weiß, wie es gegangen wäre, wenn sie nur ein wenig drängender gewesen wären: innerlich kämpfen, das kann ich nicht. Deshalb darf ich mir nichts darauf einbil­den, dass ich eine Anzahl Laster nicht habe; ...das verdanke ich mehr meinem Glück als meiner Vernunft; stamme ich doch von einer anerkannt anständigen Familie und von einem sehr guten Vater ab: vielleicht hat seine Erbanlage oder das Vorbild zu Haus, oder vernünftige Erziehung dazu beigetragen:...jedenfalls locken mich die meisten Laster durchaus nicht, sondern sie sind mir von innen heraus zuwi­der. ...

Was Gutes an mir ist, das habe ich dagegen durch den Zu­fall meiner Geburt erworben; ich verdanke es nicht Geset­zen, Vorschriften oder sonst etwas Gelerntem: die Un­schuld in mir ist eine Unschuld der Einfalt: es ist wenig Energisches und durchaus nichts Beabsichtigtes daran? Die Grausamkeit ist mir von allem Bösen am meisten zuwider; instinktmäßig und verstandesmäßig sehe ich in ihr den Gip­fel aller Bosheit. Aber ich bin dabei so empfindlich, dass ich nicht ohne Kummer zusehen kann, wenn einem Huhn der Hals umgedreht wird, und hören, wenn ein Hase, den die Hunde packen, verzweifelt wimmert, obwohl ich leiden­schaftlich gern jage. [...] Ich empfinde leicht Mitleid, wenn andere leiden, und ich würde gern mitweinen, wenn ich überhaupt weinen könnte; Tränen rühren mich noch am meisten zu Tränen, nicht nur wirkliche, sondern auch gemimte und gemalte Tränen? Die Toten entlocken mir kaum eine Klage; ich möchte sie eher beneiden; aber sehr leid tun mir die, die im Sterben liegen. Ich fühle mich nicht so abgestoßen von den Wilden, die die Körper der Toten braten und verspeisen, als von Menschen, die Lebende foltern. ...

Alles, was, auch beim Gerichtsverfahren, über den einfa­chen Tod hinausgeht, scheint mir bloße Grausamkeit; wir sollten doch eigentlich so viel Respekt vor den Seelen ha­ben, dass wir sie unversehrt ins jenseitige Leben schicken; aber das ist unmöglich, wenn wir sie durch unerträgliche Folterqualen außer sich gebracht und der Verzweiflung in die Arme getrieben haben. ...

Ich lebe in einer Zeit, in der, wie es in wilden Bürgerkriegen nun einmal ist, Beispiele kaum glaublicher Grausamkeit sich häufen. Fälle, die schlimmer sind als die furchtbarsten Berichte aus der Antike, sind heute etwas Alltägliches. Trotzdem habe ich mich durchaus nicht damit abgefunden.

Ehe ich es gesehen habe, habe ich mir gar nicht denken können, dass Menschen so barbarisch sein sollten, aus bloßer Mordlust einen Mitmenschen zu töten, ihm Glieder abzu­hacken, mit allem Scharfsinn unbekannte Qualen und neue Todesarten auszudenken, und zwar nicht etwa aus Haß oder Profitgier, sondern nur zu dem Zweck, sich an dem Schau­spiel eines Menschen in Todesnot zu weiden, an seinen Schmerzensgesten und an seinem Stöhnen und Schreien. Das ist doch offenbar die Höhe der Grausamkeit, dass ein Mensch seinen Mitmenschen tötet nicht aus Zorn, nicht aus Angst, nur weil er ihn sterben sehen will<[2]

Naturen, die am Blut der Tiere ihre Freude haben, zeigen damit einen natürlichen Hang zur Grausamkeit. Nachdem man sich in Rom an das Schauspiel von Tiermorden ge­wöhnt hatte, ging man über zu Menschenmorden und Gla­diatorenspielen. Der Mensch hat, fürchte ich, von der Natur selbst etwas wie einen Instinkt zur Unmenschlichkeit mitbe­kommen; niemand gerät in Sportbegeisterung, wenn er zu­sieht, wie Tiere miteinander spielen und sich schöntun; aber jeder wird unweigerlich von ihr gepackt, wenn sie sich untereinander zerhacken und zerfleischen? Mein Mitgefühl mit den Tieren wird man vielleicht komisch finden; dagegen gebe ich zu bedenken, dass sogar die Theologie ihnen einen gewissen Schutz zubilligt; sie hat recht, etwas Achtung vor ihnen und etwas Gefühl für sie von uns zu verlangen, von dem Gesichtspunkt aus, dass der gleiche Meister uns zu sei­nem Dienst in die schöne Welt gesetzt hat, und dass die Tiere ebenso wie wir zu seinem Hause gehören. ...

[Zwar gebe ich nicht viel auf die Seelenwanderung, die eine Art Vetternschaft mit den Tieren voraussetzt, noch auf die Vergöttlichung der Tiere], aber es gibt doch auch weni­ger extreme Theorien. Wenn ich da zum Beispiel auf die vernünftigen Bemühungen stoße, auf die große Ähnlichkeit zwischen uns und den Tieren hinzuweisen, zu zeigen, wieviel Anteil sie an den Eigenschaften haben, die als die wich­tigsten Vorrechte des Menschen gelten, und wie wahr­scheinlich es ist, dass eine Gattungsverwandtschaft zwischen beiden besteht, da schraube ich gewiß unseren Dünkel weit herab und verzichte gern auf den königlichen Rang, den die menschliche Einbildung uns vor allen anderen Geschöpfen anweist.

Wie dem auch sei, jedenfalls empfinden wir eine gewisse Achtung, eine allgemeine Verpflichtung zu menschlichem Verhalten, die uns nicht nur mit den Tieren, die ein Ge­fühlsleben haben, verbindet, sondern sogar mit Bäumen und Pflanzen. Gegen Menschen sollen wir gerecht sein, gegen die anderen Wesen, die dafür empfänglich sind, freundlich und gütig: es besteht ein geheimes Band zwischen ihnen und uns, ein gegenseitiges Aufeinan­der-­Angewiesen- Sein. ...



[1] ' Sic abiit e vita, ut causam moriendi nactum se esse gauderet Cicero, Tusc I. 30

[2] 1 Ut homo hominem, non iratus, non timens, tantum spectaturus, occidat Se­neca, Epist 90

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