Renaissance im Kraichgau

Im Kraichgau war das 16. Jahrhundert eine Blütezeit baulichen Geschehens. Viele Grundherren bauten ihre Burgen in wohnlichere Gebäude um oder erstellten neue Schlösser, zudem wurde der nur noch Seuchen bringende Wassergraben häufig zugeschüttet und an seine Stelle Burg- oder Schlossgärten angelegt. Die Zeit der Renaissance war Ausdruck einer neuen künstlerischen Formsprache, als Folge des Umdenkens nach der Reformation. Hier bei uns entwickelte sich der neue Stil aber zunächst nur zögernd.

Innerhalb eines allmählichen geistigen Umbruchs vollzog sich eine Hervorhebung der Persönlichkeit, die ihren Ausdruck insbesondere in Grabdenkmäler des Adels fand. Es wurde mehr die Repräsentation betont, körperliche Schönheit und schmückendes Beiwerk rückten in den Steinbildwerken mehr in den Vordergrund.

Eindrucksvoll gestaltete Grabdenkmäler finden sich in der unscheinbaren Dorfkirche in Neidenstein und - als Arbeiten von hohem künstlerischem Hang - das Doppelepitaph der letzten Sternenfelser in der ev. Kirche in Kürnbach, ebenso wie das Doppelepitaph der Herren von und zu Sickingen in der Magdalenenkirche in Flehingen - Sickingen. Aber auch die Grabdenkmäler der Herren von Helmstadt in der alten Pfarrkirche St. Johann, der Totenkirche in Neckarbischofsheim und die der Göler von Ravensburg in der Sulzfelder Kirche, sind Steinmetzarbeiten von hoher Qualität.

Reichgeschmückte Portale zieren die Schlösser in Bad Rappenau, in Gemmingen und der Ravensburg, ausgestattet mit Tragefiguren, allegorischen Darstellungen, Säulen und Wappen. Beachtenswert am Palas der Ravensburg ist auch der Altan mit seiner Brüstung und einem Wechselspiel zwischen Gotik und Renaissance. Zwei Namen sind es, auf die man immer wieder im Zusammenhang mit den Werken der Renaissance im Kraichgau stößt: Adam Wagner und sein Lehrling und Nachfolger Jakob Müller aus Heilbronn, die von den häufig verwandtschaftlich verbundenen Ritterfamilien untereinander weiterempfohlen wurden. Aber nicht nur Schlösser und Grabdenkmäler des Adels erinnern an die Renaissance im Kraichgau, sondern auch Bauten wohlhabender Bürger. Als besonderes Prachtstück sei hier das mit reicher Schnitzarbeit geschmückte Baumann'sche Haus in Eppingen genannt.

Auch der Giebel der Stadtkirche in Neckarbischofsheim, ihre kunstvollen Portale, die Alabasterkanzel im Inneren, das 1590 entstandene Prachttor im dortigen Schlosspark, die Brunnenstatue des Pfalzgrafen Friedrich II. in Bretten geben Zeugnis davon, dass trotz geringer Wirtschaftskraft des Adels und der kleinen Städte im Kraichgau die Renaissance innerhalb von rund hundert Jahren einen Höhepunkt in der Bautätigkeit dieser Landschaft darstellte.

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