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Grenzen II

Wer sich auf das Thema „Grenzen“ einlässt, der wird merken, dass dieses Thema sich mit einigem Abstand immer wieder neu stellt und andere Seiten zeigt. Also nochmal von ganz vorne:

Dass Grenzen für das menschliche Leben unerlässlich sind, wird kaum jemand bezweifeln. Rein biologisch gesehen sowieso, aber auch im sozialen Zusammenleben. Uns Menschen fehlt die Lenkung durch Instinkte, die das Leben der Tiere leiten und es in sinnvollen Grenzen halten. Davon hängt ihr Überleben ab. Adäquates Verhalten müssen wir im sozialen Zusammenleben erst lernen. Und damit wir dabei vorankommen, müssen wir von Anfang an neugierig sein - und diese Neugierde möglichst lebenslang beibehalten. Neugierde überschreitet natürlich gerne Grenzen, sogar solche, die unser Überleben sichern. Das ist heute genauso wie bei allen Generationen vor uns. Damit Grenzen respektiert werden, muss es Kontrollen geben. Diese gibt es normalerweise an den Grenzübergängen: Hier hört ein Gebiet auf, dort beginnt ein anderes. Hier ist dieses oder jenes Verhalten erlaubt, dort aber nicht. Als Kind habe ich zum Teil andere Regeln als ein Erwachsener. Auf dem Sportplatz kann ich mich anders verhalten als in der Kirche. Manche Begrenzungen lerne ich erst durch schmerzliche Erfahrungen. Aber: wie in der Biologie, so gilt auch im Sozialen: Wären biologische Grenzen nicht durchlässig für nützliche Stoffe nach innen oder verbrauchte nach außen, die Zellwände überschreiten - oder bei den Menschen für Handel über Grenzen hinweg, für das Erforschen neuer Möglichkeiten, wären Entwicklungen nicht möglich. Grenzen, egal welcher Art, müssen natürlich auch bis zu einem bestimmten Grad durchlässig sein.

Die menschliche Entwicklung fand über lange Zeit in überschaubaren Gruppen oder Clans statt. Dadurch wurden Verhaltensgrenzen bestimmt, das darf man, jenes nicht. Hier hört die Macht der einen Gruppe auf, dort beginnt das Gebiet der anderen. Mit dem Aufkommen von Städten oder gar Territorialstaaten war es unerlässlich, Verhaltensregeln in Gesetzen festzuhalten, für die es mehr oder weniger effiziente Kontrollen gibt. Da es nie möglich war, alle Mitglieder von großen sozialen Einheiten zu kontrollieren, war es notwendig, nachwachsenden Generationen die für das Zusammenleben notwendigen Regeln von Anfang an zu vermitteln. Kinder müssen lernen, sich zunehmend selbst zu steuern – und dafür ihr Gewissen auszubilden und in Gang zu halten. Die Art der Gewissensbildung weist – je nach Kultur – große Unterschiede auf: Hier mehr durch Zwang, Angst oder irgendwie dramatisierte Rituale vermittelt, dort mehr durch schrittweise Nachahmung, Einsicht oder verschiedene Formen der Erziehung. Mit der Einführung der Schriftkultur differenzierten sich Formen der Erziehung aus, es entstanden (weltliche) Schulen, Universitäten und später auch betriebliche Formen der Ausbildung, die über das bloße Handwerk hinausgingen. Ausbildung, Bildung und der damit zusammenhängende Wahrheitsanspruch, um den immer wieder neu gerungen werden musste, wurden zu hohen Idealen. Soweit, so gut!

Das Neue an der globalisierten Welt von heute ist die Vermischung von Kulturen, die sich über lange Zeit weitgehend getrennt entwickelt haben – und nur durch Kriege und Raubzüge vermischt wurden. Die Katastrophen in der Folge von Kriegen und Raubzügen (wie z.B. im 30-jährigen Krieg von 1618-48) haben bei den Eliten verschiedener Kulturen dazu geführt, zunächst Formen des Völkerrechts einzuführen – und später die allgemeinen Menschenrechte zu fordern.

Damit sollten anerkannte Schutzgrenzen zwischen Staaten und ebensolche für den einzelnen innerhalb der Staaten geschaffen werden. Das Problem der Kontrolle und Streitigkeiten bei der Interpretation der jeweiligen Grenzen sind aber bis heute geblieben. Durch die beschleunigte Globalisierung im 20. und jetzt im 21. Jahrhundert sind die Streitigkeiten sogar noch gestiegen, da nun von verschiedenen Volksgruppen unterschiedliche Verhaltensregeln innerhalb von Staaten gefordert werden, unabhängig von den jeweiligen gesetzlichen Vorgaben.

Moderne Staaten hatten sich bisher meist über Sprachgrenzen bestimmt – oder sie haben innerhalb der Staatsgrenze eine dominante Sprache definiert, über die Gesetze und Normen für alle Staatsbürger formuliert wurden. Eine wie auch immer definierte „Elite“ formulierte die Gesetze so, dass ihre Einhaltung möglichst plausibel erschien. Über die Einhaltung der Gesetze wachten dann Polizei und Justiz, aber auch eine „Öffentlichkeit“, die lesen und schreiben – und sich über unterschiedliche Ansichten verständigen konnte. Mit der Alphabetisierung breiter Bevölkerungskreise stieg der Druck auf die Eliten, möglichst einsichtige Gesetze zu formulieren und ihre Kontrolle über die Öffentlichkeit zuzulassen. Rückschläge bei dieser Entwicklung gab es durch „Grenzüberschreitungen“ infolge von Kriegen zwischen Staaten – aber auch infolge von „Grenzüberschreitungen“ innerhalb von Staaten. Dass einzelne oder Gruppen sich unrechtmäßige Vorteile vor anderen schaffen wollen, ist ein Phänomen, das bis heute das soziale Zusammenleben innerhalb von Staaten bedroht.

Ziviles Leben, in dem Vertrauen die Entwicklung eines jeden in friedlichen Bahnen hält, scheint nur dann gesichert, wenn ein Mindestmaß an dem herrscht, was wir „Gerechtigkeit“ – und „Gleichheit“ (vor dem Gesetz) nennen. Damit ist nicht Gleichheit in allem und jedem gemeint, sondern die Einhaltung gleicher Regeln, innerhalb derer jeder entsprechend seiner Fähigkeiten erfolgreich sein könnte. Schon bei Kindern gibt es das Gefühl der Anerkennung, wenn ein gleichaltriges Kind etwas leistet, was Beachtung verdient; und umgekehrt das Gefühl der Verachtung oder des Neides, wenn ein Vorteil erschlichen, erpresst oder durch ungerechte Eingriffe von Erwachsenen ergaunert wurde. Aus demselben Gefühl heraus lehnen wir auch Leistungen im Sport ab, die durch Doping erschwindelt wurden.

Die Entwicklung der „Menschenrechte“ in den Ländern des „Westens“ ist m.E. kein Zufall, sondern einer rationalen Einsicht nach all den Kriegen und Bürgerkriegen in der frühen Neuzeit geschuldet, die nicht selten religiös oder anderweitig ideologisch bemäntelt waren. Meist verkleideten sich Gier, der Wunsch nach Machterwerb oder Machtausweitung einer „Elite“ hinter ideologisch überhöhten Kämpfen, welche jeweils errungene Ansätze von Zivilisation wieder rückgängig machten.

Wie rasch zivilisatorische Regeln auch in modernen Gesellschaften zusammenbrechen können, hat nicht nur das „Dritte Reich“ gezeigt, das zeigen auch alle heutigen Kriege, sobald sie länger andauern oder ideologisch angeheizt werden. Ein einzelner Mensch kann sich dem zivilisatorischen Zusammenbruch dann kaum entziehen, wie die Vergewaltigungen und das endemische Foltern in allen Kriegen und Völkermorden der Neuzeit zeigen. Zivilisatorische Grenzen sind letztlich nur Verabredungen zwischen Menschen und Gruppen, die auf Erfahrungen aus der Vergangenheit beruhen, die jede Generation so gut wie nur möglich an die folgende Generation weitergeben muss – oder besser müsste. Die Erinnerung an solche Verabredungen kann sich leicht verflüchtigen, wenn der Gedankenaustausch zwischen den Generationen oder zwischen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft zusammenbricht. Oft war gerade dies ein Mittel, Länder in unterwürfige Abhängigkeit zu bringen oder zu halten, dass man verschiedene Gruppen innerhalb einer Staatsgrenze gegeneinander aufhetzt und Streit ideologisch stimuliert. Die Kolonialgeschichte liefert hier einige gute Beispiele. Aber natürlich gibt es auch innerhalb zivilisierter Länder Grenzen zwischen verschiedenen „Gruppen“, je nach Herkunft, Tradition, Religion usw. „Grenzkontrollen“ im Sinne der Vertrauensbildung muss es auch hier geben, und zwar durch eine funktionierende Öffentlichkeit, die sich nicht durch Gedankenzensur im Sinne einer „politischen Korrektheit“ einschüchtern lässt.

Überschaubarkeit war bei uns lange Zeit ein Faktor, der Vertrauen schuf. Ich erinnere mich an meine Kindheit in einem kleinen Dorf, in dem kein Haus abgeschlossen war. Natürlich bot die Dorföffentlichkeit nicht nur Sicherheit, sie bedeutete für den einzelnen auch Kontrolle und zeigte von heute aus gesehen eine kaum erträgliche Form der Engstirnigkeit. (Kopftuch war übrigens bei vielen Frauen üblich und Frauen und Männer saßen in der Kirche auf verschiedenen Seiten.)

Aber auch noch in der wesentlich freieren Umgebung einer Stadt wie Heidelberg hatte man in den 70er Jahren kaum ein Haus oder ein Fahrrad abgeschlossen. War jemand nicht zuhause, so legte man eine Notiz aufs Bett oder auf den Schreibtisch: Dort oder dann könnten wir uns vielleicht treffen? Das war normal. In Hippiekreisen war zu viel Besitz sowieso nur als Belastung erschienen. Gerade die Abgrenzung zum Besitzstreben der Wiederaufbaugeneration schuf eine recht entspannte Lage. Man fühlte sich sicher.

Erst mit der zunehmenden Anonymität Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre änderte sich das Verhalten - auch in den sogenannten „alternativen“ Kreisen, in denen Zugehörigkeiten noch über eine imaginierte „Gelehrtenrepublik“ oder über gleichartige Fortschrittsideen gesichert schienen.

Allmählich aber kam Misstrauen auf. Häuser, Wohnungen und Fahrräder wurden zunehmend durch immer bessere Schlösser abgesichert. Was aber die Sicherheit auf lange Sicht nicht unbedingt erhöht hat, wie man heute fast täglich in den Zeitungen liest. Irgendwie änderte sich alles in den 80er Jahren – schon vor der Wiedervereinigung mit dem konsumnachholenden Ostdeutschland. Bereits vor der Wiedervereinigung wurde die Identifikation über den Konsum und eine expandierende Warenwelt stärker als je zuvor. Markenklamotten und Konsumartikel entsprechend rasch wechselnder Moden bestimmten zunehmend die Alltagskultur.

Aber auch die Arbeitswelt änderte sich. Hatte lange Zeit noch eine Arbeitersolidarität Menschen aus fremden Kulturen integriert, so führten diverse Rationalisierungsschübe zur Technisierung und Vereinzelung ab Arbeitsplatz – und Menschen aus fremden Kulturen suchten sich anderweitigen Rückhalt: Teilweise im Sport, einem Verein – oder in religiösen Gruppierungen, Moscheevereinen etc.

Auf der anderen Seite bestimmen Aktienkurse zunehmend das Interesse der Wirtschaftselite, bei der zuvor noch eine – wenn auch patriarchalische – Verantwortung für die Mitarbeiter geherrscht hatte. Der Wind des „Neoliberalismus“ blies aus den angelsächsischen Ländern in die Welt der „sozialen Marktwirtschaft“ und veränderte diese zunehmend.

Auch gerade noch linke Studenten etablierten sich und schwammen plötzlich mit dem Strom, der Konsum und Einstieg ins früher verhasste Establishment hieß. Ja, bisweilen waren Linke, die ihr ideologisches Korsett abstießen, sogar die radikaleren Marktideologen oder die härteren Machtmenschen, da sie ohne traditionsbestimmte oder religiöse Hemmungen agieren konnten.

In dieser neuen Situation, d.h. ab Mitte bis Ende der 80er Jahre, änderte sich auch allmählich die Lage für die zunehmende Zahl der Menschen aus fremden Kulturen. Vor allem deren Entschluss, nun dauerhaft in Deutschland zu bleiben, veränderte die Blickrichtung – insbesondere für die zweite oder dritte Generation der Neubürger. Dazu kam dann der Wegfall der Grenze zum ehedem kommunistisch definierten „Osten“, aus dem viele junge Menschen in den westdeutschen Arbeitsmarkt strömten, wo, wie gesagt, die klassischen Arbeitersolidarität gerade abgenommen hatte oder gerade dabei war, allmählich abzunehmen. Im Osten, aber auch im Westen wurde die Nation als Schutzgemeinschaft und das „Nationale“ wieder als Kriterium für Solidarität stärker betont; nicht nur in den zerfallenden Balkanstaaten, auch bei uns. Nationales stand nun bei einigen Meinungsführern wieder hoch im Kurs – und so bildeten sich bei Menschen aus fremden Kulturen, die sich ausgegrenzt fühlten, eigene Netzwerke, vor allem nach den Brandanschlägen durch Neonazis auf von Fremden bewohnte Häuser. Und dabei zeigte sich, dass auf der Ebene des täglichen Zusammenlebens Clanstrukturen in einigen Regionen das staatliche Schutzversprechen, auf das sich ein Bürger bisher verlassen konnte, leicht aushebeln konnten. Immer mehr solidarische Selbstverständlichkeiten lösten sich auf. Einige neu dazugekommene religiöse Gemeinschaften vernetzten sich zunehmend regional, national und international, d.h. europaweit - und wurden dabei von außen bestärkt, sich mehr und mehr vom deutschen und generell dem westlichen Lebensstil zu separieren. Ohne dass dies öffentlich besprochen wurde, bildeten sich unter der Hand eigene Macht- und Gewaltmonopole neben dem Rechtsstaat.

Solange die Wirtschaft expansiv blieb und jedem ein garantiertes Einkommen garantierte, waren Separationstendenzen für die Mehrheit kein großes Problem. Es gab ja noch genügend Überschneidungen der Interessen im Sport, im Verein, in der Freizeit und bei Nachbarschaftshilfen. Sobald sich aber eine Knappheit bei den gesicherten Arbeitsmöglichkeiten zeigte, wuchsen auch die Gegensätze zwischen Menschen und Kulturen stärker als zuvor. Was in der ersten Generation der zugewanderten Menschen kaum eine Rolle spielte, die ja noch dankbar für alle neu gewonnenen Möglichkeiten war, wurde für die zweite oder dritte Generation der zugewanderten Menschen zum Problem: Gehören wir nun dazu oder nicht? Nur wer die Sprachschwierigkeiten in Schule und Ausbildung überwand und Animositäten von einigen Einheimischen ignorierte, schaffte den Aufstieg in Kreise, für die unterschiedliche Herkunft schon vom Bildungsanspruch her kein Thema war. Bildung entwickelte sich zum Hauptfaktor gegen Fremdenfeindlichkeit, und das blieb auch so, bis der Wert der Bildung allmählich in Vergessenheit geriet.

Ich habe oben die Neugierde als Motor für das Lernen genannt, da wir im Vergleich zur Tierwelt extrem instinktunsicher sind. Neugierde treibt uns von Kindheit an voran, lässt uns Grenzen, Entwicklungsgrenzen überschreiten und erwachsen werden. Sie ist umso mehr notwendig, je weiter entwickelt eine Gesellschaft ist, je ausdifferenzierter ihr Ausbildungs- und Bildungsangebot ist. Die Lernphasen sind entsprechend lang, bevor hier Jugendliche in die Erwachsenenwelt eintreten. Sie bleiben länger in einem Schonraum, der das Lernen erleichtern soll, der allerdings auch eine gewisse Naivität bezüglich der in der Erwachsenenwelt vorherrschenden Machtfragen begünstigen kann. - Wer hier, also bei den notwendigen Bildungsangeboten und dem entsprechenden Freiraum ausgeschlossen bleibt oder sich selbst verweigert, der wird früher als andere – und leider mit weniger Chancen in die Arbeitswelt eintreten oder gar von dort ausgeschlossen bleiben. Das führt zu Unzufriedenheit – und möglicherweise zur Suche nach Schuldigen. Die Neugierde bleibt und fördert eine gedankliche Suchbewegung. In Deutschland gibt es eine Menge alternativer Ausbildungs- und Bildungswege. In diese Suche können sich aber auch fremde Eliten, religiöse Fundamentalisten oder Kriminelle aus mafiösen Kreisen einschalten. Dann wird's gefährlich.

Es gibt neben der Neugierde aber noch eine andere grenzüberschreitende Veranlagung beim Menschen, die ebenfalls seit jeher überlebenswichtig war: Es ist das jederzeit abrufbare Aggressionspotential, das in uns steckt. Dieses Potential in Grenzen zu halten, das ist die Aufgabe jeder Kultur. Die Methoden der Begrenzung von Aggression sind in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Das erschwert die Begrenzung in multikulturellen Gesellschaften, wenn die Eliten unterschiedlicher Kulturen nur die eigenen Regeln und Normen anerkennen und andere verteufeln. Innerhalb einer Kultur kann heute, nach all den Erfahrungen der Geschichte von Kriegen und Bürgerkriegen, im Wesentlichen Einigkeit darüber bestehen, wohin sich die Neugierde sinnvollerweise richten sollte. Die Neugierde kann aber auch der Aggression und der Zerstörung zivilisatorischer Begrenzungen dienlich sein.

Dass diese Möglichkeit bei uns bisher keine Beachtung findet, liegt m.E. an der Utopie der Entgrenzung, die seit den 60er und 70er Jahren die Diskurse im Westen bestimmt. Grenzüberschreitungen waren "in". War der Diskurs der Entgrenzung in der kulturellen (und politischen) Jugendbewegung noch (illusionär?) auf einen weltweiten Frieden und solidarische Verhältnisse zwischen allen Menschen ausgerichtet, so hat die Utopie der Entgrenzung, wie sie der Neoliberalismus versteht, nur Grenzen durchlöchert, innerhalb derer Gemeinschaften geschützt waren, und soziale Sicherheiten, die der Gewinnmaximierung im Wege standen, infrage gestellt. Mit dem Wegfall sozialer Sicherheiten im Zuge der neoliberalen Globalisierung wurden allerdings wieder neue Grenzen geschaffen: Kulturelle Grenzen und Grenzen zwischen Arm und Reich. (Auch wenn letztere von Land zu Land noch verschieden sind, es bleiben Grenzen, die nur wenig durchlässig sind; durchlässig immer öfter für eine mafiöse Proll-Kultur, bei der selbst Menschen ohne eine berufliche Qualifikation, ohne Verantwortung für die Gemeinschaft, mit Luxuskarossen durch die Gegend fahren und, anders als dies begüterte Leute früher bei uns taten, einen überheblichen und protzigen Habitus zeigen.).

Die Brücke zwischen den kulturellen Grenzen liegt vor allem im Bereich der Bildung, die mehr ist als eine Ansammlung bloßen Wissens. In diesem Sinne kann jemand, der das Abitur noch gerade so schafft, aber in seinem Arbeits- und Lebensfeld offen für Neues bleibt, weit gebildeter sein, als ein Professor, der immer nur Faktenwissen ansammelt. Faktenwissen alleine reicht nicht. Oder nehmen wir Politiker, die nur eine immer gleiche Parteiideologie über alle realen Entwicklungen stellen. Sind die gebildet?

Was aber, wenn Bildung in einer vom Neoliberalismus geprägten Welt immer weniger wichtig wird? Immer mehr "Teil-Eliten" kommen ohne Bildung aus, nähern sich dem "Trickster"-Denken an, um Lücken im System zu finden oder zu schaffen. Brauchen wir dann eine (wie immer definierte, offene oder verdeckte) Diktatur, um den Laden zusammenzuhalten? Und woher könnten diktatorische oder totalitäre Tendenzen kommen? Von "rechts"? Aus nationalistischen Kreisen, die sich überregional oder gar international verbünden? Aus Geheimdienstkreisen - mit oder gegen die USA, die sich aus Europa zurückziehen? Gibt es hier Kreise, die eine "Lücke" füllen wollen? Welche Lockmittel könnte man leicht verführbaren Jugendlichen anbieten, die sich nach Anerkennung und Solidarität sehnen? Religion oder High-Tech? Oder hat doch Bildung nochmal eine Chance?
Wir befinden uns heute in einer sehr schnelllebigen Zeit. Was gerade noch bedrohlich scheint, kann sich am Ende als eine wichtige Etappe zu etwas Gutem erweisen. Was wir nicht machen sollten, erkannten wir im Laufe der Geschichte oft erst, wenn wir etwas grundlegend falsch gemacht hatten. Und der Übergang zu einer globalen Gesellschaft ist sicher keine Kleinigkeit. Es können und werden mit Sicherheit Fehler gemacht. Wir müssen uns dem Thema "Grenzen", die keine absoluten sein können, ähnlich nähern wie in der Mathematik. Dort wird bei Grenzen, die man
nicht exakt definieren kann, ein Grenzwertprozess durchgeführt, um einer angenommenen Grenze möglichst nahe zu kommen. Und um möglichst nahe an notwendige Begrenzungen zu kommen, die wir im Sozialen immer wieder brauchen, muss es eine freie öffentliche Diskussion geben, bei der eine "Streitkultur" als normal und notwendig angenommen wird. Nur in der freien Diskussion, in der alle Probleme offen benannt werden können, können Grenzwertprozesse im Sozialen "berechnet" werden.
On verra! On va voir si on peut obtenir quelque choses!

Ich bleibe optimistisch.
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