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Ceausescu

Die Kindheit Nicolae Ceausescus (Aus "Demokratie in Deutschland", RAAbits Sozialkunde/Politik, Februar 1994)

24 Jahre lang herrschte Nicolae Ceausescu, der sich selbst Conducator" (Führer) oder Genie der Karpaten" nannte, über Rumänien mit eiserner Hand. Für sich und seinen Clan raffte er riesige Vermögen, Paläste, Villen, Kunstschätze und Devisen zusammen, während das Volk zunehmend verarmte und Ende der achtziger Jahre entsetzlich hungerte und fror. Eine geheime Staatspolizei, die Securitate, mit Panzern und Kampfhubschrau­bern ausgerüstet, hielt die Bevölkerung in Schach. Ein ausge­klügeltes  Spitzelsystem  war  allgegenwärtig. Ceausescu ließ ganze Dörfer dem Boden gleichmachen, verfolgte ethnische Minderheiten, ließ Kinder und Frauen zu Tausenden umbringen. Seine Unmenschlichkeit breitete sich wie ein Leichentuch über das Land aus. Ende 1989 erhoben sich große Teile des Volkes gegen den verhassten Führer. Ceausescu wurde gefangengenommen und kurzerhand zusammen mit seiner Frau Elena ohne Gerichtsverfahren erschossen.

Die Psychoanalytikerin Alice Miller hat nach dem Sturz des rumänischen Diktators Ceausescu dessen Kindheit untersucht, um zu zeigen, dass die ersten Lebensjahre eines Menschen sein  späteres Verhalten als Erwachsener weitgehend mitbestimmen:

 In der Kindheit Nicolae Ceausescu war lediglich ein Zimmer heizbar, und in diesem drängte sich im Winter die ganze Familie zusammen. Es gab keine Betten und keine Möbel. Dafür wäre kein Platz gewesen. Entlang der Wände standen Pritschen mit  Schilfmatten, auf denen die Eltern mit den Kindern schliefen...

Die Welt, in die Nicolae Ceausescu als drittes Kind armer oltenischer Bauern hineingeboren wurde, war trist. Das Bauern­elend, wie es sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Rumänien darbot, war mit keinem anderen europäischen Land zu verglei­chen ... Bei den landlosen und landarmen Bauern gab es Brot nur zu den Feiertagen. Für Millionen Menschen war Mamaliga, der Maisbrei, das Hauptnahrungsmittel ... In den Dürrejahren reichten die kümmerlichen Vorräte nicht einmal für diese arm­selige Speise...

Doch Nicolae Ceausescus Vater war nicht nur arm und Vater von zehn Kindern, von denen eins früh starb. Er vertrank sein weniges Geld im Wirtshaus, statt seine Kinder zu ernähren, und schlug sie täglich zu „ihrem Besten", wie es auch Stalins stän­dig betrunkener Vater und Hitlers häufig betrunkener Vater taten. Die Mutter, eine Analphabetin, war ehrgeizig und achtete streng auf die schulischen Leistungen der Kinder, die sie eben­falls ausgiebig prügelte. Da die Eltern, vor allem die Mutter, sehr religiös waren, fanden sie für dieses Verhalten immer eine gute „moralische" Begründung, so dass der Junge an der Rich­tigkeit der Züchtigungen niemals zweifelte. Die Heuchelei sättig­te die Luft, die er von Anfang an atmete und die er für selbstver­ständlich hielt. Seine unterdrückte, ihm selber unverständliche Wut konnte er nur im Töten junger Tiere abreagieren. Für dieses Verhalten war er schon als Kind in seinem Dorf und später auch als Jugendlicher im Gefängnis bekannt...

Als Ceausescu mit Hilfe der kommunistischen Ideologie zur Macht kam, stilisierte er sich selbst zum „Gott mit absurden Wünschen". Er verhängte über ganz Rumänien das Schicksal, das einst sein eigenes gewesen war: Überfluss an Kindern, zu denen man durch den Wahn eines göttlichen Diktators gezwun­gen wurde und die man nicht ernähren und wärmen konnte…
Frauen sollten auf keinen Fall Zeit haben, sich ihren Kindern zu widmen, sie wurden durch die befohlenen Geburten unaus­weichlich davon abgehalten. Es sollte ihnen genauso ergehen wie Ceausescus Mutter, die, von einem trunksüchtigen Mann zu immer neuen Geburten gezwungen, ihre Kinder im Elend auf­wachsen lassen musste ...

Mitte Januar 1990 berichtete ein Fernsehteam im deutschen Fernsehen erstmals von einer Kinderstation in einem Krankenhaus in Temesvar, die dort von den Mitarbeitern „Auschwitz-Station" genannt wurde und über die auch in der Stadt selbst nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Auf dieser Station ließ man kranke oder unterernährte Babys dahinvege­tieren.  Und zwar auf ausdrückliche Veranlassung von  Ceausescu selbst. Die Kinder erinnerten an Babys aus den Hunger­gebieten der Dritten Welt. Sie wurden befehlsgemäß nicht ausreichend versorgt, lagen meist zu zweit in einem Brutkasten, der jedoch auch nur dann beheizt wurde, wenn der Strom nicht abgestellt war. Sonst lagen die Kinder bei Außentemperaturen von teilweise minus 25 Grad nahezu ungeschützt in ihren Bett­chen. Sie wurden unter den Augen von Krankenschwestern und Ärzten dem Tode überlassen."

 In: Alice Miller: Abbruch der Schweigemauer. Die Wahrheit der Fakten. Ham­burg 1990. S.115-121.


Ceausescus Kindheit

Ceausescu als Tyrann

 

 

-          Nur ein beheizbares Zimmer

-          Fühlt sich gottgleich

-          Keine Betten und Möbel

 

-          Brot nur an Feiertagen

-          Frauen sollten viele Kinder gebären

-          Maisbrei als Hauptnahrung

-          Kindern darf es nicht gut gehen

-          Manchmal nichts zu essen

 

-          Vater trinkt und prügelt

-          Kinderstationen: Dort werden Kinder

-          Mutter prügelt ebenfalls

           dem Hunger- und Kältetod ausgesetzt

-          Prügel werden moralisch gerechtfertigt

 -          Geheimpolizei überwacht und sichert Macht

-          Heuchlerische Religiosität

-         kommunistische Ideologie

-          Nicolae wird frühzeitig zum Tierquäler

-          Brutalität der Staatsorgane

 

                     


Die Kindheit Ceausescus und sein Verhalten als Staatsober­haupt


Ceausescu hat unter der fürchterlichen Armut in seinem Elternhaus und der ständigen Gewalttätigkeit von Vater und Mutter schwer gelitten. Er musste aber Wut und Schmerz in sich hineinfressen, da es unmöglich ist, sich als Kind gegen gewalttätige und gefühllose Eltern aufzulehnen und die heuchlerische Religiosität der Eltern ihn auch glauben ließ, Schläge und Ungerechtigkeiten seien etwas Normales. Er erfährt Macht und Ohnmacht also als naturgegeben.

Als Ceausescu später zum führenden Staatsmann aufsteigt und die uneingeschränkte Macht über das rumänische Volk innehat, übt er sie so aus, wie es seinem schwer beschädig­ten psychischen Zustand entspricht. Die in der Kindheit zu­gefügten Verletzungen, die damals entstandenen Gefühle (Wut, Hass, Zorn) sind ja nicht verschwunden, sondern, wenn auch verdrängt, noch immer in ihm, und diesen Ge­fühlen kann er jetzt freien Lauf lassen.

Hätte Ceausescu eine unbeschwerte, glückliche Kindheit er­lebt, wäre er wohl kaum zu einem Monster geworden, das für die als Kind erlittenen Schmerzen und Demütigungen an dem ganzen Volk Rache nehmen musste.

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Soweit die Texte aus dem Jahre 1994. Aus heutiger Sicht ein wenig einseitig, sehr mitfühlend und mit psychologisch fundiertem Verständnis. Aber hatte es nicht immer und überall arme Kinder mit brutalen und bigotten Eltern gegeben, bei denen der Vater gesoffen hat - ohne dass diese zu Menschenquälern geworden sind? Hat nicht jeder und jede es immer wieder selbst in der Hand, ob er oder sie sich für oder gegen das "Böse" entscheidet? Muss man nicht bei solch extremen Bosheiten von einer extremen narzisstischen Störung ausgehen, einer Störung, wie sie auch bei anderen Diktatoren vorhanden war, wie sie auch Kinder aus besseren Verhältnissen erfassen kann? Und kommt es nicht auch bei uns im reichen Europa vor, dass Menschen unter narzisstischen Störungen leiden, die sie dazu bringen, andere Menschen bloß als Spielmaterial für egozentrische Wünsche zu benutzen? Ceausescu war böse, weil er böse sein wollte. Er hat sich einfach dafür entschieden, weil er sein Talent, sein Durchsetzungsvermögen nicht für eine menschenfreundlichere Politik benutzen wollte. Nicht alles kann man mit einer schlimmen Kindheit entschuldigen. Ihn vor Gericht zu bringen und zur Rede zu stellen, das hätte mehr gebracht, als ihn wie einen räudigen Hund zu erschießen. Vielleicht hatten ja auch einige Mitläufer Angst vor seinen nachträglichen Ausführungen, die auch ihre Vergangenheit ans Licht gebracht hätte. Ohne die vielen kleinen Helfer wären brutale Narzissten macht- und hilflos.







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