Traute Lafrenz

Traute Lafrenz würde am 3. Mai 2019 100 Jahre alt. Sie hat als Mitglied der "Weißen Rose" Flugblätter verteilt und war Verbindungsglied zwischen Münchner und Hamburger Widerständler. (https://de.wikipedia.org/wiki/Traute_Lafrenz)
In einem Interview mit dem Spiegel hat sie darauf hingewiesen, dass "das Böse" zwar banal sei, aber jederzeit wiederkommen könne:

Auszug aus einem Spiegel-Interview (Claas Relotius) mit der 99-jährigen Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der „Weißen Rose“. (21.September 2018)

Lafrenz: Ich entkam der Hinrichtung zunächst nur, weil der Blutrichter Freisler mich für ein dummes Mädchen hielt, Frauen wurde ja nichts zugetraut. Aber dann lieferte mein alter Schulfreund Heinz Kucharski, dem ich vertraut und das dritte Flugblatt nach Hamburg gebracht hatte, mich und viele andere ans Messer. Ich wurde ins Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel überstellt und wochenlang verhört. Das war wie Pokern, nur dass es um das eigene Leben ging. Als ich einmal ins Vernehmungszimmer kam, hatten sie das Radio an und hörten Mozarts "Zauberflöte", es klang gerade die Arie: "In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht ..."

SPIEGEL: In einer Stellungnahme zu Ihrem Gnadengesuch schrieb die Gestapo: "Bei ihren späteren Vernehmungen hat die Lafrenz sich selbst als Staatsgegnerin bekannt und in keiner Weise während der Dauer der Polizeihaft sowie bei ihren späteren wiederholten Vernehmungen Reue gezeigt."

Lafrenz: Die wollten mich brechen und Namen von mir hören. Einmal holten sie meine Mutter herbei und sagten, ich würde sie nie wiedersehen. Ich habe geweint wie ein kleines Mädchen, aber es war klar, dass ich niemanden verrate.

SPIEGEL: Es gab leider nicht so viele Menschen mit so einer Einstellung.

Lafrenz: Nachdem Christoph Probst unters Schafott gekommen war, schickten die Nationalsozialisten seiner Frau eine Rechnung: 600 Reichsmark für die Benutzung der Fallbeilmaschine. Bei den Scholls standen fremde Leute vor der Haustür und sagten: "Grüß Gott, wir wollten nur mal schauen, wie Eltern aussehen, deren Kinder geköpft wurden." Was geht in manchen Seelen vor? Bei Dostojewski heißt es: "Der Mensch ist breit angelegt, gar zu breit; ich wollte ihn enger fassen."
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Lafrenz: Das Böse ist banal. Die amerikanische Ärztin Susan Benedict hat ein Buch über Euthanasie in Nazideutschland geschrieben, ich habe ihr dabei geholfen. Ein Kapitel handelt von Krankenschwestern der Nervenheilanstalt Meseritz-Obrawalde, die Hunderte Patienten töteten und 20 Jahre später, also Mitte der Sechziger, im Münchner Euthanasieprozess angeklagt wurden. Die meisten rechtfertigten ihr Handeln mit Respekt vor höhergestellten Ärzten, sie übernahmen für ihr Handeln keinerlei Verantwortung. Manche waren gläubige Katholikinnen, aber sie bewerteten die Pflicht, dem Staat zu dienen, höher als ihre Werte. Ich glaube sogar, sie fühlten sich moralisch überlegen.

SPIEGEL: Der Henker Reichhart, der feierlich gekleidet die Mitglieder der Weißen Rose enthauptet hatte, wechselte nach dem Krieg die Seiten, henkte 156 Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher und lernte die Amerikaner vor den Nürnberger Prozessen im Umgang mit dem Galgen an. Als Altbundeskanzler Konrad Adenauer nach einer Mordserie an Taxifahrern 1964 verlangte, die Todesstrafe wieder einzuführen, sprach Reichhart sich dagegen aus und sagte: "Ich tät's nie wieder."

Lafrenz: Darüber kann einem schwindelig werden. Was entmenschlicht uns, und was macht uns dann wieder zum Menschen? Und wenn für beides nur ein Wimpernschlag genügt, müssen wir dann nicht immer wachsam sein? Kehrt nicht auch das Böse, wenn man es lässt, eines Tages zurück?
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