Sind wir (nur) Tiere?

Wieso nennen wir Leute, die (uns oder anderen) Böses tun, oft Schweine, Hunde oder Ratten? Keine dieser Tierarten hat jemals solche kriegerischen Metzeleien veranstaltet, Giftgas versprüht oder Atombomben geworfen wie Menschen, war also auch nur annähernd so böse wie es Menschen sein können. Kein Tier könnte, so wie Sergej W. am 11. April 2017, einen heimtückischen Bomben-Anschlag auf den Bus einer mit 28 Spielern besetzten Fußballmannschaft verüben, um mit Optionsscheinen gegen den Aktienkurs des Fußballunternehmens an der Börse zu wetten. Kein Tier könnte Gerüchte streuen, um mit falschen Behauptungen andere Tiere zu mobben oder zur Hetzmeute zu formen.

Können Tiere dennoch böse sein, was es rechtfertigen würde, sie mit Bosheit in Verbindung zu bringen? Können sie böse sein, obwohl gerade heute dagegenspricht, dass sie zunehmend mit Vertrauen in Verbindung gebracht werden? Steht nicht Gordon Gekkos Spruch genau dafür, dass Tiere nicht böse sind? („Wenn Du einen Freund brauchst, kauf dir einen Hund.“)

Natürlich gehe ich davon aus, dass wir alle auch zunächst Tiere sind. Aber was unterscheidet uns von ihnen, wenn wir uns moralisch oder sonst wie über sie stellen?

Ein Versuch: Die Sprache, vor allem, wenn sie mit Schrift kombiniert ist, also Erfahrungen generationenübergreifend festhalten kann, bringt uns über die Tierwelt hinaus, wenn folgende Einsichten hinzukommen:

1.      Es muss feste Regeln geben, die allen Mitgliedern einer Gemeinschaft bekannt sind („Öffentlichkeit“).

2.      Es muss folgerichtig ein Regelwerk geben, das die Regeln festhält: Das sind Gesetze.

3.      Es muss Leute geben, die die Einhaltung der Gesetze überwachen und instinkthaftes Gier-Verhalten (egal aus welchem Motiv) einschränken.

4.      Eine besondere Art der Gier ist die Neugier. Sie überschreitet Grenzen, ist vor allem in jüngerem Alter wichtig. Sie muss in Bahnen gelenkt werden, die mit Punkt 1. Bis 3. kompatibel sind.

5.      Da dies nicht immer gelingt, wird es immer wieder Zusammenbrüche der Zivilisationen geben. (Vor allem gestützt auf „Jugendbewegungen“, die sich krankhafte Narzissten unter den Nagel reißen) Aus diesen Zusammenbrüchen werden neue Dämme für die Erhaltung der Zivilisation wachsen, falls man aus den Ursachen für die Zusammenbrüche lernt.

6.       Zivilisationen sind abhängig von mit ihnen verbundenen Kulturen. Kulturen „färben ein“, was Zivilisationen ausmacht. Ergeben sich aus Überlappungen von Kulturen Konflikte, ist die Übersetzungsleistung von Eliten gefordert, die für Akzeptanz und Sicherheit (auch das Sicherheitsgefühl der Menschen) sorgt. Diese friedensstiftenden Eliten können aus der Wirtschaft, der Religion oder aus philosophischen Schulen kommen – und müssen in der Lage sein, politischen Entscheidungen zu formen, d.h. sie müssen dafür sowohl Überzeugungskraft als auch „Macht“ besitzen.

7.      Multikulturelle Gesellschaften haben in der Geschichte meist ein starkes Machtzentrum, das die unterschiedlichen kulturellen „Färbungen“ einer Zivilisation so weit beeindruckt, dass sich Streit in die Bahnen des Rechts (der Regeln) lenken lässt.

8.      Demokratien mit labilen Machtzentren, mit festgelegten Machtwechseln und intrinsisch erlerntem Wissen über zivilisiertem Verhalten, brauchen starke Überzeugungen, um an den „Rändern“ stabil zu bleiben. Diese Überzeugungen kamen bei größeren gesellschaftlichen Einheiten („Territorialstaaten“) bisher oft aus Religionen oder Nationalmythen.

9.      Fehlen diese „Mythen“ (quasi ideelle Rückversicherungen), wie etwa bei „Europa“ als Wirtschaftseinheit – oder fallen sie bei Nationalstaaten weg wie bei uns nach dem Krieg, so ergeben sich Gefährdungen aus aufstrebenden Gruppen, die von außen oder von innen kommend instinktgeleitet und von Gier getrieben sind. Europa oder auch Deutschland müssten sich also neue „Rückversicherungen“ schaffen, wozu aber die religiösen, staatlichen oder wirtschaftlichen Eliten heute zu schwach scheinen (Macron versucht das anzugehen). „Nationalismus“ oder „Islamismus“ versuchen diese Schwäche auszunutzen, sind aber zugleich in der heute globalisierten Welt mögliche Wegbereiter eines Zusammenbruchs der Zivilisation, da sie eher spalten als zusammenführen.

10.  Einen Zwang zum Zusammenführen unterschiedlicher Kulturen in Richtung Zivilisation sehe ich in der ziemlich rasch wachsenden Gefahr der globalen Umweltkatastrophe. (Einen Angriff von „Außerirdischen“, wie sie in einigen Filmen als äußerer Zwang phantasiert wurde, wird es leider – oder zum Glück - nicht geben.)

11.  Der rückwärtsgewandte ERLÖSUNGSGLAUBEN“ durch religiösen Fundamentalismus oder quasireligiösen Nationalismus (siehe Polen) führt eher zur Spaltung innerhalb der Gesellschaften und zum Zusammenbruch der Zivilisation. Er wird aber zunehmend Anhänger finden. Das ahnen manche Eliten, denen eine eigene Idee für die Zivilisation abhandengekommen ist.

12.  Das, was wir in der westlichen Welt in Teilen der technokratischen Elite oder in einigen Sicherheitsorganisationen erleben, ist ein Versuch, sich auf den Zusammenbruch OHNE EINE ZIVILISATORISCHE IDEE einzustellen, ihn also gedankenlos vorwegzunehmen, sich dabei auf Instinkte (Macht, Gier, Haben-Wollen etc.) zu verlassen, um Zulauf zu gewinnen. Das setzt weder dem religiösen Fundamentalismus noch dem radikalen Nationalismus etwas entgegen, in denen immerhin eine Art Gleichheitsversprechen im Jenseits oder im Diesseits steckt. Wir haben es hier nicht mit dummen Leuten zu tun, sondern eher mit geschichtslosen Technokraten, die sich bestenfalls technokratische Utopien (bei einigen Anführern, die überhaupt denken) zusammenfantasieren. Ohne eine zivilisatorische Idee kann es dir egal sein, wie du Menschen zu deinem (oder für sie gedachtem) Vorteil lenkst.

13.  Fällt die Idee der Zivilisation aber im Denken und Handeln weg, dann fallen wir nicht zurück auf die Welt der Tiere (wir sind ja auch Tiere), sondern wir fallen unter die Welt der Tiere hinunter, weil wir mehr Mittel zur Destruktion, zur Täuschung, Manipulation usw. besitzen. Das meinte Goethe im „Faust“:

Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
(Goethe, "Faust I" Kapitel 3) Und hat nicht Nietzsche seinen Hund, wenn er sauer auf ihn war, in seiner Wut „Mensch!“ genannt, um anzuzeigen, dass der Mensch noch tiefer als ein normales Tier fallen kann? Könnte doch sein.

Vielleicht doch lieber keine Tiervergleiche, wenn man andere Menschen oder ihr Handeln für böse, heimtückisch oder falsch hält? Jedenfalls kommt kein Tier in dieser Hinsicht an den Menschen heran.

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