Historized People

Historized People – oder:
warum viele Deutsche ein Brett vor dem Kopf haben.

 

Oktober 2015. Ein Gespräch in einer dritten Berufsschulklasse. Thema: Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. Lauter intelligente Schüler, einige mit Abitur. Dennoch eisiges Schweigen. Ich frage mehrmals, warum…?

Es kommt heraus, dass keiner als Ausländerfeind dastehen will. In den Medien, die von Skandalen leben und von drastischen Bildern, werden Europäer, vor allem Politiker, die Migration begrenzen wollen, als hartherzig dargestellt. Und wer will, bei all den schrecklichen Bildern, die das Mittelmeer als „Massengrab“ zeigen, so hartherzig sein – und die Menschen ertrinken lassen, die aus armen oder unregierbaren Ländern fliehen?

Zum Glück gibt es noch andere Schüler, die weniger ängstlich sind beim Reden über dieses Thema. Es sind Schüler aus einer Mittelstufen-Klasse, ehemalige Realschüler, Schüler aus verschiedenen Ländern, deren Eltern sich fest in Deutschland niedergelassen haben. Sie reden offen. Sie sprechen sich durch die Bank für eine Begrenzung der Zuwanderung aus. Warum? Sie sind näher an der Problematik dran – und: Sie können nicht so leicht aus ausländerfeindlich abgestempelt werden! Sie müssen sich nicht dauern für die Nazizeit entschuldigen, sind nicht im Gestrüpp unserer Geschichte hängengeblieben.

Eine griechische Schülerin, deren Verwandte die Problematik in den großen Flüchtlingsunterkünften direkt mitangesehen haben, spricht von der mutwilligen Zerstörung von Waschmaschinen und Kühlschränken, die von den Deutschen wortlos ersetzt werden: Nur nicht auffallen, nur nicht unmenschlich scheinen. Das erinnert doch stark an den Herrn Biedermann in dem Stück von Max Frisch. Dann der Hinweis, dass viele Flüchtlinge das Geld, das sie für Schlepper ausgegeben haben, der Großfamilie zu Hause oder dem Clan, der zusammengelegt hat, so bald wie möglich zurückzahlen müssen – oder dass sie als Gegengabe die restliche Familie nachholen müssen. Und wer kann schon gegen Familienzusammenführung sein? Das alles sind systemische Probleme, keine Probleme, die sich über Gefühle wie Mitleid klären lassen.

Es entstehen in Deutschland, ja in ganz Europa zunehmend soziale Zusammenhänge, die vom Rechtsstaat aus diversen Gründen nicht mehr beherrschbar sind. Ohne dass man dies jemandem verübeln könnte, werden zunehmend mittelalterliche Schutz und Hilfsgemeinschaften aufgebaut, in die unsere eigene Mittel- und Unterschicht nicht hineinpasst, da sie anders sozialisiert wurde. Sprachgemeinschaften vernetzen sich, die sich eher auf eigene „Mitglieder“, als auf das deutsche Rechtssystem verlassen. Und der Rechtsstaat, vor dem jeder als Einzelperson gleich sein sollte, hat bisher weder die Mittel, noch auch nur das Verständnis, diese für uns neuartige Strukturen zu erfassen. Sprachlos stehen auch Bildungsbürger vor diesem Problem, das nicht durch das über die „Aufklärung“ vermittelte Demokratie-Wissen erklärbar scheint. So kommt es, dass Bürger mit ausländischen Wurzeln, die an der Erhaltung der Strukturen des Landes festhalten wollen, in das sie gekommen sind, die neuartigen Probleme unseres Landes eher verstehen als Deutsche, die eine demokratieorientierte Sozialisation durchlaufen haben. Zumindest haben sie keine Angst, ihre Skepsis zu äußern. Trauen sie sich und uns allen nicht zu, dass wir das schaffen? Schaffen wir das? Jedenfalls können wir nicht mehr zurückrudern.


Comments